Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 178)
- Language
- German
- Belongs to
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gefühl. Wie eine abgebrauchte Formel klingen die Worte aus dem Munde der gebrochenen zitternden Menschen. „Ich kam spät in die Stadt, von einer Reise zurück; die Judenstadt war schon ■erfüllt von den Plünderern .... Man erkannte mich nicht, ich hätte flüchten können —■ aber es trieb mich hin, unwillkürlich an meinen Platz, zu meinem Volke, mitten unter sie, die unter den geschwungenen Fäusten fielen. Plötzlich reitet einer auf mich zu, schlägt aus nach mir — er fehlt und schwankt im Sattel. Und da plötzlich fasst mich der Trieb zum Leben — eine Leidenschaft gibt mir Kraft und Mut, ich reisse ihn vom Pferde und stürme selbst auf seinem Ross in die Weite, in die dunkle Nacht, zu euch her; einen Tag und eine Nacht bin ich geritten." Er hält einen Augenblick inne. Dann sagt er mit festerer Stimme: „Genug jetzt von dem allen! Zunächst was tun?" Und von allen Seiten die Antwort: „Flucht!" — „Wir müssen fliehen!" — „Nach Polen hinüber!" Es ist das einzige Hilfsmittel, das alle wissen, die abgebrauchte, schmähliche und •doch unersetzliche Kampfesart des Schwächeren gegen den Starken. An Widerstand denkt keiner. Ein Jude sollte kämpfen oder sich verteidigen? Das ist in ihren Augen etwas Lächerliches und Undenkbares, sie leben nicht mehr in der Zeit der Makkabäer, es sind wieder die Tage der Knechtschaft, der Aegypter gekommen, die dem Volke den ewigen Stempel der Schwäche und Dienstbarkeit aufgedrückt haben, den nicht Jahrhunderte mit den Fluten der Jahre verwaschen können. Also Flucht! Einer hatte die schüchterne Ansicht geltend machen wollen, man möge den Schutz •der Bürger in Anspruch nehmen, aber ein verächtliches Lächeln war die Antwort gewesen. Ihr Schicksal hatte die Geknechteten immer wieder zu sich selbst und zu ihrem Gotte zurückgeführt. Ein Vertrauen auf einen dritten kannten sie nicht mehr. Man besprach nun alle näheren Umstände. Alle diese Männer, die immer so sehr darauf aus gewesen waren, Geld zusammen zu scharren, stimmten jetzt über© •ein, dass man kein Opfer scheuen müsste, um die Flucht zu beschleunigen. Jedes Besitztum musste zu barem Gelde gemacht werden, wenn auch unter den ungünstigsten Umständen, Wagen waren zu beschaffen, Gespann und das Notdürftigste zum Schutze gegen die Kälte. Mit einem Schlage hatte die Todesfurcht ihre Ghetto-Eigenschaft verwischt, ebenso wie sie die einzelnen Charaktere zu einem einzigen Willen zusammen geschmiedet. In allen den bleichen, abgemüdeten Gesichtern arbeiteten die Gedanken einem Ziele zu. Und als der Morgen seine lohenden Fackeln entflammte, da war schon alles be- 162