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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 161

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 161 (sequence 177)
Language
German
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IRI
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Nur die Ampel beleuchtet noch matt die verstörten, vernichteten Menschen, die das Wort wie ein Blitzstrahl getroffen hat. Eine Stimme murmelt leise das schicksalsgewolmte, resignierte „Gotthatesgewollt!" Aber die übrigen sind noch fassungslos. Doch der Fremde spricht weiter, abgerissen, heftig, als ob* er selbst seine Worte nicht hören wollte. „Sie kommen — viele — Hunderte. — Und vieles Volk mit ihnen. — Blut klebt an ihren Händen — sie' haben gemordet, pausende — alle von uns, im Osten. — Sie waren schon in meiner Stadt. . . . ." Ein furchtbarer Schrei einer Frauenstimme, dessen [Kraft die herabstürzenden Tränen nicht mildern können, unterbricht ihn. Ein Weib, noch jung, erst kurz verheiratet, stürzt vor ihn hin. „Sie sind dort?! — Und meine Eltern, meine Geschwister? Ist ihnen ein Leid geschehen?" Er beugt sich zu ihr nieder und seine Stimme schluchzt, wie er leise zu ihr sagt, dass es wie eine Tröstung klingt: „Sie kennen kein menschliches Leid mehr." Und wieder ist es still geworden, ganz still .... Das furchtbare Gespenst der Todesfurcht steht unter ihnen und macht sie erzittern .... Es ist keiner von ihnen, der nicht dort in der Stadt einen lieben Toten gehabt hätte. Und da beginnt der Yorbeter, dem Tränen in den silbernen Bart hinabrinnen und dem die spröde Stimme nicht gehorchen will, mit abgerissenen Worten das uralte, feierliche Totengebet zu singen. Und alle stimmen ein. Sie wissen es selbst nicht, dass sie singen, sie wissen nicht von Wort und Melodie, die sie mechanisch nachsprechen, jeder denkt nur an seine Lieben. Und immer mächtiger wird der Gesang, immer tiefer die Atemzüge, immer mühsamer das Zurückdrängen der emporquellenden Gefühle, immer verworrener die Worte, und schliesslich schluchzen alle in wildem, fassungslosem Leid. Ein unendlicher Schmerz hat sie alle brüderlich umfangen, für den es keine Worte mehr gibt. Tiefe Stille .... Nur ab und zu ein tiefes Schluchzen, das sich nicht unterdrücken lassen will . . . . Und dann wieder die schwere, betäubende Stimme des Erzählenden: „Sie ruhen alle bei Gott. Keiner ist ihnen entkommen. Ich allein entfloh durch Gottes Fügung .... „Sein Name sei gelobt," murmelt der ganze Kreis in instinktivem Frömmigkeits- 161

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