Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 152 (sequence 168)
- Language
- German
- Belongs to
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Vor einem grossen Konzerte in München suchte ihn ein armer Musiker auf und bat ihn um Unterstützung. Es war ein verbummelter, entgleister Mensch. Ein sonderbarer Zufall wollte es, dass sich die beiden als Jugendbekannte aus derselben Stadt erkannten. Swansen hatte sie längst vergessen gehabt, diese ferne dunkle Zeit im jüdischen Vaterhause in einem elenden russischen Neste. Etwas Warmes aber erfüllte sein Herz, und er wies den Armen nicht ab. Er beschenkte ihn sogar reichlich und sprach mit ihm über dies und jenes. Und da er unter der grauen Asche des Elends einige Funken wirklichen musikalischen Talentes zu vermuten glaubte, spielte er dem Manne auch etwas vor: Seine „Phantasie". Das Almosen eines Königs sollte es sein. Dieser arme Jude sollte auch sehen, wen er da vor sich habe, den Abstand spüren, keinen Moment glauben, dass Swansen noch etwas behalten habe von jenem Elend, vom Ghetto, dem feigen und ohnmächtigen Blicke des fussgetretenen Hundes. Swansen heisst er heute, Peter Swansen, ist ein freier Künstler mit eigener Note, und die schönsten Frauen haben ihn auf die Lippen geküsst ... So spielte der Grosse vor dem Kleinen. Als er zu Ende war, blickte er auf. Er, der Blasierte, Verwöhnte, war neugierig auf das Urteil des schäbigen Menschen, der heute sein Publikum war. Seltsam sah der Mann ihn an und sprach langsam: „Schön war's. "Wunderschön, Herr Swansen, aber ..." „Aber?" „Erinnern Sie sich noch an Kol-Nidre, Herr Swansen?" ,,Was, bitte?" „Kol-Nidre, unsere uralte jüdische Melodie. Als Kinder haben wir sie beide oft genug gehört, von Jossei Klesmer gespielt. Wissen Sie, etwas davon ist in Ihrem Stück* Vielleicht nur für mein Ohr. Und auch nur stellenweise und vielfach variiert. Aber dies Allegro . . . Diese Uebergänge . . . Wenn Sie erlauben?" Und er griff zur Geige, spielte Kol-Nidre. Anfangs lächelte der grosse Virtuose. Aber dann lauschte er immer gespannter. Und zuletzt geschah es, dass er gar hastig aufsprang, dem Spielenden'das Instrument fortnahm und ihn gehen hiess, nachdem er ihm noch einiges Geld in die Hand gedrückt. In Swansen war etwas entfesselt. Wie heimkehrende Zugvögel. Dunkel wurde es vor den vielen Fliegerden. Und mit jedem schwirrenden Flügelschlage kam eine Erinnerung über ihn. Der alte Vater im weissen Talles, am Seder-Abend, aus der Hagada lesend in näselndem Singsang ... Die Mutter mit dem glänzenden Atlas-Scheitel . . . der Rabbi . . . das Totenfeld mit den zahlreichen flachen, schiefen Leichensteinen . . . die halb zerfallene Synagoge . . . Jossei, der Spielmann . . . Kol-Nidre? Also er, der freie Künstler, sollte . . .? Nach so vielen Jahren, nach so viel Kampf und Mühe hatte er seine Note gefunden, und diese Note sollte fremd sein? Gestohlen? Mitgebracht aus diesem finsteren Elend, diesem Schmutz, dem er geglaubt hatte, entronnen zu sein? 152