Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 110)
- Language
- German
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Und wäre dem menschlichen Auge ein Einblick in die Vorgänge des Mikrokosmos, •des menschlichen Seelenlebens, vergönnt, dann würden wir auch dort eine ähnliche Erscheinung beobachten. Die alten jüdischen Weisen, die auf das gesamte Leben durch die Brille der Ethik •sahen, erblickten im Seelenleben nur zwei „Elementarkräfte": den ,,guten" und den .„bösen" Trieb. Der Kampf zwischen diesen entgegengesetzten Prinzipien zieht sich ungeschwächt und unaufhörlich während der ganzen Dauer des menschlichen Lebens dahin, und die Möglichkeit einer Versöhnung ist absolut ausgeschlossen, da ein jedes von ihnen seinen Willen in seiner ganzen Ausdehnung bis zum letzten Extrem unbedingt durchzusetzen sucht. Der böse Trieb ist absolut böse und zeigtauch nicht eine Spur des Guten. Bis an des Grabes Rand lauert er dem Menschen auf, reizt ihn zu bösen Handlungen auf und regt in ihm niedrige Leidenschaften an, und sein ganzes Streben ist unerbittlich darauf gerichtet, seinen Anhänger in den tiefsten Pfuhl der Sünde und des Schmutzes hineinzuzerren. Der „gute" Trieb hingegen ist absolut gut. Er kann das Böse nicht vertragen, in welcher Form, in welchem Grade und zu welchem Zwecke es auch auftreten mag, verabscheut die „Eitelkeiten dieser Welt", selbst die naturnotwendigen, weil sie ihrem Wesen nach minderwertig sind, und ist mit all seinen Kräften bestrebt, seinen Anhänger immer höher und höher zu heben und ihn gänzlich zu einem intelligiblen Wesen zu machen. Fiat iustitia, pereat mundus! — dies ist also der Grandsatz, an dessen beiden Enden beide Triebe in gleicher Weise festhalten. Aber eben deswegen, weil sie beide an ihm festhalten, geht durch keinen von ihnen die Welt zu Grande; sondern eine mittlere Bewegung, die manchmal die Stufe einer gewissen Harmonie erreicht, ist das Resultat ihrer beiderseitigen Thätigkeit und gestattet keinem von beiden, durch eine absolute Wendung nach einer Seite hin den Weltlauf in seiner Entwickelung zu hemmen. Es geschah einmal, so erzählt eine sinnige talmudische Sage, dass die „Gerechten" den bösen Trieb ergriffen und in Gewahrsam thaten, und der gute Trieb allein während dreier Tage die AVeit beherrschte, da „suchte man im ganzen Heiligen Lande: nach einem frischgelegten Ei und fand keines". Und die modernen europäischen Gelehrten, die das Seelenleben in einem ganz andern Lichte sehen, finden zwar darin viel mehr als zwei Kräfte, aber die Thätigkeit dieser Kräfte denken sie sich in einer ganz ähnlichen Weise. Der Franzose .Paulhan betrachtet die Seele als eine grosse Gesellschaft, bestehend aus unzähligen Individuen, wie Eindrücke, Begriffe, Empfindungen, Neigungen und dergleichen, von -denen ein jedes ein Sonderleben führt und immerfort bemüht ist, seine Herrschaft unbegrenzt auszudehnen, die seiner Eigenart entsprechenden Seelen Vorgänge anzuziehen und die ihr widersprechenden abzustossen, kurz, dem gesamten Leben seinen Stempel 94