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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 93

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 93 (sequence 109)
Language
German
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IRI
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PRIESTER UND PROPHET. VON ACHAD-HAAM (U. GINZBERG, ODESSA). AUTORISIERTE UEBERSETZUNG AUS DEM HEBRAEISCHEN VON PROFESSOR DR. J. ERIE DLAENDER (NEW-YORK). Die Mechanik lehrt, class zwei Bewegungskräfte, von denen die eine beispielsweise nach Osten, die andere nach Norden strebt, im Falle ihres Zusammentreffens eine mittlere Bewegung, eine Resultante erzeugen, die weder nach Osten noch nach Norden geht, sondern die Mitte einschlägt. In früheren Zeiten, als man noch jede Bewegung auf eine Willensbewegung zurückführte, hatte man sich vielleicht auch diese Erscheinung so zurechtgelegt, als ob die beiden Kräfte sich friedlich ausgeglichen und eine jede von ihnen, um auch der andern Raum zu gönnen, aus freien Stücken ihre Ansprüche herabgemindert hätte. Jetzt aber, da wir zwischen einer mechanischen und einer Willensbewegung einen Unterschied machen, jetzt wissen wir, dass nicht aus freien Stücken und nicht mit Bewusstsein die beiden Grundkräfte einen „Ausgleich" herbeiführen, sondern dass im Gegenteil eine jede unverrückt in ihrer Bahn beharrt und sich nicht um Haaresbreite aus derselben drängen lässt. Aber aus diesem beiderseitigen Beharren resultiert von selbst eine dritte, mittlere Bewegung, die keiner von beiden vollkommen entspricht. Selbst die Bewegungen der Planeten in ihren Bahnen werden bekanntlich nicht bloss durch das Verhältnis eines jeden von ihnen zur Sonne, sondern ausserdem noch durch die Wirkungen bestimmt, die sie auf einander ausüben und die einen jeden von ihnen zwingen, um ein weniges von jener Bahn abzuweichen, die er durchlaufen hätte, wenn er der einzige gewesen wäre. AVenn es uns also, wie einst Pythagoras, vergönnt wäre, der Harmonie der Sphären zu lauschen, dann würden wir vielleicht nichts mehr als ein ewiges Gezanke in den „oberen Regionen" vernehmen, in denen ein jeder Himmelskörper mit dem Aufgebot all seiner Kräfte sich gemäss seiner persönlichen Neigung Bahn zu brechen sucht und zu Gunsten seiner übrigen Genossen nicht auf das Mindeste verzichten will. Da indes alle in derselben Weise handeln, erreicht auch nicht einer von ihnen seine persönlichen Wünsche in vollem Umfange, und so ergiebt sich die äussere Harmonie von selbst: durch die Wechselwirkungen ihrer aller und ohne die Zustimmung eines einzigen von ihnen. Ja noch mehr, selbst wenn ein Wunder geschähe und ein Teil von ihnen eine Anwandlung von Hochherzigkeit bekäme, so dass sie, über den engen Kreis ihrer egoistischen Wünsche hinausgreifend, auch die Wünsche ihrer Rivalen berechtigt fänden und ihnen frohen Herzens Platz machten, dann wäre der Weltlauf im Nu unterbrochen und der Kosmos würde sich in ein Chaos auflösen. 93

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