Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 104)
- Language
- German
- Belongs to
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Mein Väter lachte. „Du bist ein sauberer Rechner," sagte er, „hast Du je gehört, dass eine Uhr dreizehn schlägt?" „Es scheint mir aber doch, dass sie dreizehn geschlagen hat," sagte ich kleinlaut. „Das Maul halt', Du Dummkopf!" rief der Yater erzürnt. „Eine Uhr schlägt niemals dreizehn. Merke Dir das!" „Mir scheint, dass er nicht unrecht hat," mischte sich jetzt die Mutter drein, „auch ich glaube, dreizehn gezählt zu haben ..." „Jetzt redet sie auch noch drein," rief der Yater erbittert, und die Sache stimmte ihn nachdenklich . . . Nach dem Essen trat er an die Uhr, rüttelte sie, worauf sie zu schlagen begann. Wir alle zählten aufmerksam mit, indem wir mit den Füssen den Takt schlugen* „Eins, zwei, drei, sieben, neun, zwölf, dreizehn ..." „Dreizehn?" stöhnte der Vater, und sah so erstaunt um sich, als hätte er plötzlich vernommen, dass die "Wand zu reden begann. Nochmals rüttelte er die Uhr, worauf sie wieder dreizehn schlug . . . Jetzt stieg er ganz niedergeschlagen "vom Stuhl herab, eine tödliche Blässe bedeckte sein Gesicht, er fuhr sich nervös mit der Hand durch den Bart und ging, laut zu sich selbst sprechend, auf und ab: „Dreizehn geschlagen . . . "Was heisst das? Was kann das bedeuten? Wäre etwas nicht in Ordnung, müsste sie ja stehen bleiben. Nun geht sie aber, folglich, folglich die Feder ..." schloss er sein Selbstgespräch. „Gewiss wird es die Feder sein," tröstete ihn die Mutter. „Warum nimmst Du sie nicht lieber herunter und siehst nach, statt Dich zu ärgern und hin- und herzuraten. " „Du hast recht," sagte der Vater und machte sich ans Werk. Er nahm die Uhr auseinander, sah alle Teile genau durch, arbeitete unausgesetzt den ganzen Nachmittag, so dass ihm die Schweisstropfen auf der Stirne standen, und als er sie abends wieder aufhängte, versammelten wir uns neuerdings um sie, und diesmal schlug sie bereits bloss zwölf . . . Der Vater rieb sich die Hände. „Nicht mehr dreizehn," rief er triumphierend. Die Mutter lächelte. „Nun, man weiss ja, dass Du ein Meister bist," sagte sie. „Aber hast Du aufgepasst, wie^sie den Ton verändert hat, wie sie jetzt immer ächzt, wenn sie schlagen will? Wahrscheinlich fällt ihr das jetzt so schwer . . ." „Das scheint Dir nur so," sagte der Vater, horchte aber von nun an aufmerksam, wenn sie zu schlagen begann. In der That vernahm man jetzt ein eigentümliches Geräusch, als ob " sie sich" zuvor aushüsteln wollte. Und der Klang selbst, der dann folgte, war auchnicht mehr der frühere. Früher war es ein energisches, kräftiges 88