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Jüdischer Almanach · 1904-01-01 · 1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe · p. Seite 87

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
1902-1903 : Teilweise veränderte Neuausgabe
Date
1904-01-01
Page
Seite 87 (sequence 103)
Language
German
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System Bescheid wusste und den Kalender auswendig kannte, erklärte einst (ich selbst habe es aus seinem Munde vernommen), dass unsere Uhr — streng genommen eigentlich ein Fetzen, ein Waschlappen sei und im Vergleich mit seiner eigenen Taschenuhr keine Prise Schnupftabak wert, jedoch, wenn man in Berücksichtigung ziehe, was für Uhren es heute gäbe, sei unsere Uhr immerhin eine Uhr. Man muss nämlich wissen, dass Leibisch, der Philosoph, sehr streng auf G-enauigkeit hielt und oft die Anhöhe ausserhalb der Stadt zu erklettern pflegte, um, den Kalender in der einen, die Taschenuhr in der anderen Hand, den Augenblick zu erhaschen, in dem die Sonne hinter dem Horizont verschwand. Dann kam er schnurstracks in unser Haus gelaufen, um meinen Vater zu höhnen, dass unsere Uhr mit drei Minuten vor oder zurück war, worauf mein Vater, dem der gute Ruf unserer Uhr über alles ging, erregt zu antworten pflegte, so dass sich regelmässig ein Streit zwischen den Besitzern der zwei Uhren ntspxmi. E-eb Leibisch war, wie gesagt, ein Philosoph, und wenn er ab und zu unserer Uhr einige Anerkennung zollte, so war dies die grösste Auszeichnung, die sich eine Uhr hienieden erwerben kann. Ihr Schlag war in der ganzen Stadt berühmt. Sie war sozusagen eine öffentliche Uhr, nach der sich die halbe Stadt richtete, wenn man Freitag früh rechtzeitig erwachen musste, um für den Sabbat zu rüsten, wenn man die Sabbat-Kerzen anzünden, am Ausgang des Sabbats Feuer machen wollte — und in ähnlichen Angelegenheiten, welche das Judentum auszeichnen. Sie diente treu und redlich, uns und der ganzen Stadt. Nie empfand sie das Bedürfnis auszuruhen, und Zeit ihres Lebens wusste sie nicht, wie ein Uhrmacher aussah. Mein Vater war nämlich selbst ihr Meister. (Er besass „einige Ideen" in der Uhrmacher-Kunst.) Alljährlich vor dem Passah-Feste nahm er sie vorsichtig und zärtlich von der Wand, entfernte von ihr das Spinngewebe, reinigte ihre Gedärme mit einer Gänsefeder und brachte einige Dutzend Fliegen, einige Motten und ab und zu eine Mauerassel zum Vorschein, welche alle, von den Spinnen dorthin verlockt, eines elendigen Todes gestorben waren. Dann hängte er sie wieder an die Wand, und.beide strahlten. Die Uhr strahlte, weil sie frisch gewaschen und gekämmt war, und der Vater strahlte, weil die Uhr strahlte. Nun begab sich aber folgende Geschichte. Es war an einem schönen, durchaus nicht bewölkten Tag. Wir sassen alle bei Tisch und assen zu Mittag, während ich, wie es meine Gewohnheit war, die Schläge der Uhr laut nachzuzählen begann: „Eins, zwei, drei, sieben, elf, zwölf, dreizehn ..." „Dreizehn?" rief ich erstaunt, „dreizehn gar?" 87

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