Alt-Prager Almanach
- Journal
- Alt-Prager Almanach
- Volume
- 1926
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 129 (sequence 135)
- Language
- German
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Vor der Kirche bis zur Dreifaltigkeitssäule inmitten des sonst aristokratisch ruhigen Platzes erregte eine fanatische Volksmenge bunt durcheinander sich schiebend immer wieder durch ihr heiser anschwellendes Geschrei sich selbst: Zum Feuer mit ihm! In der dreihalligen pompösen Jesuitenkirche zu St. Nikolaus hätte aber, bei allen Heiligen, auch nicht eine Stecknadel mehr zwischen dem Kopf an Kopf gepreßten Volk durchrutschen können. Man kämpfte dennoch zäh, immer leidenschaftlicher, um den gnadenbringenden Einlaß, schlug sich wild fluchend an den Kirchentüren blutig; von den Kanzeln war feierlich ein fünfzehnjähriger Ablaß allen Zuschauern verheißen worden. Voran die gewohnheitsmäßigen Betschwestern der Kirche, seit der ersten Frühmesse ausharrend, verteidigten sich wütend keifend mit ihren schmutzigen Nägeln dagegen, hinausgedrängt zu werden. Endlich schaffte die pomphafte Auffahrt der Gesellschaft, als großes Schaustück neugierig auf einmal begafft, etwas Luft am Eingang. Der Zeremonienmeister wie an hohen Kirchenfesten im vollen Ornat, dem Purpurtalar, schwarzem Seidendreispitz und seinem bischofsähnlichen vergoldeten Krummstab wirksam, trat an die Mitteltür. Raum heischend winkte er mit seinem Zeremonienstab den Ordnern. Man bemühte sich, einen Durchgang zu bilden. Lakaien in Prunklivreen suchten auf der breiten Freitreppe der Kirche die lebenden Menschenmauern beiderseits wenigstens solange zurückzudrängen, bis der glänzendste Adel des Landes sich hinauf begeben hatte. Umso unaufhaltsamer, ungestümer drängte die Menge nach, daß die scharlachroten Ordner an den drei Haupteingängen durch ihre gekreuzten Hellebarden sie kaum zurückzuhalten vermochten. 129