Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 37 (17.10.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-10-17
- Page
- Seite 72 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Romanbeilage des „Jüdischen Echos** Nr. 37 dechai rief einen Soldaten an und übergab ihm den Verwundeten: „Führe ihn zum Ambulanzwagen!“ Dann zog er einem Toten das Hemd aus, verband Kahanes blutigen Armstumpf und ließ sich ihm zu Häupten nieder ... Kahane erwachte aus seiner Betäubung, blickte sich um und wollte sich erheben; kraftlos sank er zurück. „Ich bin bei dir!“ „Mordechai?“ „Ja.“ „Komm, Mordechai, fort von hier! Kein Diktator, keine Armee mehr!“ „Was?“ „Heute nacht begibt sich Langewitsch nach Galizien.“ „Und die Armee?“ „Die Armee wird auseinanderlaufen. Komm, hilf mir aufstehen!“ Mordechai schleppte sich mit Kahane weiter. „Ich fürchte, wir gehen irre; wir werden noch dem Feinde in die Hände fallen“, sagte Kahane. „Was liegt daran!“ Ein Trupp Ulanen kam geritten. Mordechai fragte: „Wo stehen die Unseren?“ „Das weiß der Himmel!“ „Alles läuft über die Grenze.“ Die Ulanen ritten davon... Alles war still wie zuvor. Kahane lehnte seinen Kopf an Mordechais Schulter und schluchzte leise ... REB ABRAHAMS ENDE Im Walde bei Mordechais Eltern hatte sich nichts geändert. Das Leben nahm den gleichen Lauf wie vor fünfzig und vor hundert Jahren. Im Jahre 1831 hatte Mordechais Vater Reb Abraham der polnischen Armee Proviant zugeführt; jetzt ließ er sichs angelegen sein, daß Padlewskis Truppenreste Stiefel, Pelze und Kartoffeln bekamen. Tief im Walde, wo es schwer war hinzukommen, saßen in Baracken Schneider und Schuster und arbeiteten Tag und Nacht. Dwojrele, Mordechais Mutter, kaufte allen Fischerfrauen der Umgebung die Leinwand ab, die sie im Winter gewebt hatten. Zusammen mit der alten Brajne und mit den Fischermädchen schnitt sie die Leinwand in schmale und breite Streifen und rollte sie in Knäuel, den alle Wäschestücke zerrissen, um Ver- Und als die Leinwand aufgebraucht war, wurbandszeug für die polnischen Soldaten daraus zu machen. Mordechais Name, der so lange in des Vaters Gegenwart nicht hatte genannt werden dürfen, wurde jetzt, da Mordechai sich dem Aufstand angeschlossen hatte, mit Ehrerbietung erwähnt. Und Reb Abraham achtete persönlich darauf, daß am Abend an allen Fenstern Kerzen entzündet wurden, welche die ganze Nacht brannten — wenn Mordechai heimkäme, so sollte er schon von weitem das Vaterhaus erkennen ... Ein leichter Regenschauer fiel auf die feuchtquellende, mit Moos durchzogene Erde; zwischen den Bäumen hing dampfender Nebel. Ein zweispänniger Leiterwagen trottete gemächlich über den schmalen Waldweg, in dessen sumpfige Erde die Räder tiefe Spuren schnitten. Ein älterer Schlachtschitz schritt in Bauernkleidung neben dem Wagen einher, in dem, von Reisig und Spänen bedeckt, Stiefel und kurze Schafpelze lagen. Woche um Woche kam der Schlachtschitz mit seinem Leiterwagen in die Baracke zu Mordechais Vater, nahm die fertiggestellten Stiefel und Pelze in Empfang und lieferte sie Padlewski ab. Er zog den Strick fester um seinen Pelz, rauchte seine Tonpfeife und ging schwerfällig neben den Pferden her. Der lange, einsame Weg, der den alten Mann auf seine eigenen Schritte und seine eigenen Gedanken horchen ließ, dämpfte in ihm die Angst, welche jeder Schatten weckte. Aber so vorsichtig er zu Werke ging, um eine' Begegnung mit dem Feinde zu vermeiden, stets pochte in seinem tiefsten Innern jene nahezu schmerzhafte Beklemmung, die eine Gefahr erwartete. Und die Gefahr kam. Der Schlachtschitz hatte eben den Wald hinter sich und wollte gegen die Wiesen wenden; da ritten ihm etwa zwanzig Kosaken entgegen und hielten ihn an: „Was führst du da?“ „Ich habe ein wenig Reisig gesammelt“, antwortete er. „Hast du niemanden dort gesehen?“ „Wo?“ „Im Walde.“ „Niemanden, Panowie!“ Die Kosaken ritten weiter. Nach kurzer Zeit jedoch kehrten zwei von ihnen um. Wortlos zerwühlten sie die Zweige und stachen mit den Bajonetten in den Wagen. „Du, alter Gauner, du führst nichts mit dir, was?“ Ein Kosak versetzte dem Schlachtschitzen einen Kolbenstoß gegen die Brust. Der alte Mann fiel nieder und konnte sich nur mühsam erheben. Er sprach kein Wort. Fortsetzung folgt.