Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 41 (10.10.1930)
- Date
- 1930-10-10
- Page
- Seite 578 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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578 Das Jüdische Echo Nr. 41 rung ab. Von da an begannen wir Kinder für unsere Sukka eine neue Aera zu zählen. Schön wäre eine Sukka am Fenster, so wie es die Reichen machen. Man öffnet das Fenster und gibt die Speisen brühwarm in die Sukka... Da legt Petro schon scharfen Protest ein. Vor dem Fenster? An der Straßenseite? Muß alle Welt wissen, daß bei ihm ein Jude wohnt! Aber, lieber, teuerer Petro... Petro will nichts, wissen, Genug, wenn er den Hof, zur Gartenseite hin verjuden läßt. Und so blieb es. Jetzt muß man endlich mit dem Aufbau beginnen. Baumaterial? Bretter? Hat ein Jud Bretter; außer die vier letzten, oder wenn er zufällig damit handelt? Wir Kinder waren naiv genug, den schwarzen Petro um Baumaterial anzugehen. Der arme Vater hat dazu bloß wehmütig gefächelt... Eine Wand, Kinder, haben wir schon, Gott sei Dank! — Er zeigte auf die Wand des Hauses, an die man die Sukka anfügen wird. Es waren aber noch drei Wände nötig. In den weichen Boden des Hofes ritzte nun der Vater ein großes „Ceth“ ein, das mit seinen Füßen die Wand berührte, und in seinen äußeren Winkeln setzte er zwei alte Balken ein, die er einmal bei einem Nachbarn als „Mezi’e“ gekauft hatte, zwei „Säulen“, wie vor dem Tempel zu Jerusalem.... Was jetzt kam, war ein Meisterstück. Das ehrwürdige „gekascherte“ Tischblatt für Peßach, groß und schwerfällig, mußte sich vom dunklen Boden herunterbemühen, nachdem es auf dem Wege fast alle Ostergefäße demoliert hatte, und es stellte sich gehorsamst auf seinen Posten an der Wand, mit fester Schnur angebunden. Zwischen dem ehrwürdigen Tischblatt und einer „Säule“ war jedoch eine Bresche, die man ausfüllen mußte. Da nahm die Mutter alle Knoblauchs-, Zwiebel- und Maiskolbenkränze von den zwei Stangen herunter, die im Hausflur hingen, brachte zu den zwei Stangen noch die zwei Strohmatten, die zwischen Bett und Wand sonst die Rolle von Wandteppichen spielten, und der Vater verarbeitet das alles kunstvoll in die klaffende Bresche hinein... Und es war Abend und es war Morgen — eine Wand! Und nun? ... Nichts mehr eigenes. Unsere Nachbarn? Mögen sie auf keinen grünen Zweig kommen! Nicht einen Nageil wollen sie herborgen. Petro —, teuerer, o, hilf doch! Und Petro ist manchmal auch ein guter Kerl. Was das gekostet, wird man natürlich niemals erfahren. Aber diese dritte Wand hat wirklich Petro gemacht . . . Verschiedenes Flechtwerk, Wagenseiten, Stangen, und die gewaltig schwere, lange, schwarze Diele aus der Krippe, in ihrer ganzen Höhe die Sukka doppelt überragend, wie Petro selbst, drohend . . . Also ward die dritte Wand. Eigentlich, nach dem Gesetz, muß keine vierte Wand da sein. Den Raum der vierten Wand kann man schlechtweg als „Türöffnung“ erklären,, und die Sukka ist koscher. Allein den Forderungen der Menschen muß man eher gerecht werden als denen des Himmels. Wie lächerlich würde so eine jüdische Sukka aussehen. Sogar der Bauer würde sie auslachen. Schon haben wir heute Erew Jontew. Und zugleich auch Erew Schabbes. Und überdies — eine Spätsommerhitze, nicht zu ertragen. Der Vater war schon bei allen Nachbarn. Er kam mit Schweiß und Schaum bedeckt zurück . . . Petro hat nicht, oder vielleicht will er nicht. Er ist heute total betrunken; ihn anzusprechen ist lebensgefährlich... Kommt die dicke Chane-Malke herangewackelt, will bei der Mutter ein wenig gemahlenen Zimt zu Jontew-Zwecken borgen. Ein ungebildetes Weib, schaut sich unser Sukka an und lacht. Rrrr . . . Reb Chajim,, was werdet ihr in dieses große Loch hineinstellen? Eine Kuh werden wir da hineinstellen! — lautete die bissige Antwort. Der Vater hatte dabei an eine gewisse Gemara in Traktat Sukka gedacht. Die dicke Chane-Malke hat aber von der Gemara .nichts gewußt. Nachmittag entschloß sich der Vater, zum — Dorfpfarrer zu gehen, ohne Hoffnung, ohne Glauben. Bald kehrte er freudestrahlend zurück, hinter ihm her schleppten zwei Knechte ein breites Tor, daran auch eine Tür, eine echte Tür auf Angeln, sogar ein Schloß an der Tür. Der Vater trägt dazu noch ein Fenster, als Oberlicht zur Tür. Auch den Torschlüssel trägt er. „Die Gojim verlängern wirklich das Golus .. .“ Um die Abendzeit jedoch begann sich der Himmel zu trüben und die Sonne verzog sich ins Gewölk. Womit bedecken wir unsere Sukka? Rohr, Schilf, Manisstauden — nichts ist da. Der schwarze Petro ist inzwischen ernüchtert, kommt heran, sieht die Gabe des Pfarrers an — und wird seelengut. Zwei Bünde guten, geraden Strohs, einige Handnußstangen zu Dachträgern und eine ungemein lange Leiter von einem Bauernwagen, um das Sukkadach zu beschweren. Alles unentgeltlich! Möge Väterchen wissen, daß Petro für heilige Sachen kein Geld nimmt . . . Der Vater steht oben und legt auf die Sukka mehr Stroh als die Vorschrift zuläßt. Der Himmel wird schwarz und schwärzer. Und vollendet war der Bau und war fürchterlich schön. Ein Finger — die lange Diele — zeigt gen Himmel, und ein Finger — die lange Leiter — zeigt gen Osten. Ein Symbol. Freudig zündet die Mutter Schabbes-Jontewlichter in der eigenen Sukka, vor dem schön gedeckten Tisch an. Jetzt braucht nicht mehr unsere dumme Magd Mutters silberne Leuchter von der fremden Sukka her nach Haus tragen, daß die „Benschlichter“ auf dem Wege erlöschen. Die können über Nacht in der Sukka bleiben, hinter Schloß und Riegel. Vielleicht wird auch der Vater in der Sukka schlafen. Regentropfen begannen zu fallen. Und als der Vater das Kidduschgebet sagen wollte — begannen Ströme niederzugehen. .,K^in Masel für Israel!“ Man muß eben warten, Der Regen wurde, wie zum Trotz, immer stärker. Unter einer herabströmenden Wasserflut machte der Vater endlich Kiddusch. Und wir ergriffen die Flucht, wie Feiglinge . . . Und die arme Sukka wurde zugesperrt... In aller Frühe erwachte der Vater. Saphirrein der Himmel. Rasch die Kleider, an. Wie ergeht es der Sukka, unserer eigenen Sukka? Ach und weh! Das ganze Sukkadach lag am Boden, die lange Leiter mit. Ein großer Sturm hatte in der Nacht gewütet... Zitternd nähert sich der Vater der verschlossenen Sukkatür. Keine Tür mehr. Sie wurde gewaltsam weggerissen. Entsetzt schaut der Vater ins Innere der Sukka. Ein seltsames Geräusch dort; Roch! Roch! . . . Der Tisch abgedeckt, kein Tischtuch, keine silbernen Leuchter, nichts . . . Und unter dem Tisch ein riesiges Schwein, den Rüssel in einer Wasserlache vertieft, mit behaglichem Grunzen Speisereste verzehrend . . .