Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 36 (10.10.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-10-10
- Page
- Seite 70 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Romanbeüage des „Jüdischen Echos' Nr. 36 Koskowski gab seinem Pferde die Sporen. Eine Kartätsche schlug neben ihm ein. Das Tier machte einen Sprung nach rückwärts. Vor Schreck kniete ein Offizier nieder und bekreuzigte sich. „Da können die Soldaten was lernen!“ — Kopfschüttelnd betrachtete Bentkowski den knienden Offizier. — „Mit einer solchen Armee kann man gleich die Sakramente verlangen!“ „Hurra, Jungens!“ rief Koskowski und sprengte mit gezücktem Säbel vorwärts. Der Zwischenraum zwischen ihm und seiner Truppe wurde größer. Die Sensenmänner gingen nicht vom Fleck. Auch das Zureden des Priesters blieb ohne Wirkung, der, das Kreuz erhoben, die Mannschaft ermunterte: „Ich gehe mit euch, das Kreuz wird euch schützen; vorwärts, wir wollen uns mitsammen opfern und den Feind aus Polen vertreiben!“ Totenbleich galoppierte Koskowski zurück und drohte mit dem Revolver: „Ich schieße euch nieder, Bauernlümmel! Was steht ihr da wie eine furchtsame Schafherde? Los auf den Feind, hurra!“ Henryka, die auf einem kleinen Pferde saß, konnte nicht begreifen, was in die riesigen Masuren gefahren war. Sie bat, streichelte, versprach Geschenke, wie eine Mutter es bei ängstlichen Kindern tut: „Keine Furcht, Kinder! Kommt mit mir!“ „Hurra, Jungens!“ Wieder sprengte Koskowski voran. Stumm folgte ihm die Mannschaft und lief bis zum Hügel. Dort schwenkte sie in den Wald ein und zerstreute sich. Koskowski schoß nach ihnen und drohte mit geballter Faust. Bleich und hilflos stand neben dem Diktator Bentkowski: „Nicht einmal schön sterben kann man!“ Der Diktator sprach kein Wort... Er wußte, daß General Czapski mit der Kavallerie nach Galizien übergetreten war, und wäre nicht erstaunt gewesen, wäre ihm gemeldet worden, daß Czechowski, der den Feind schon mehr als drei Stunden aufhielt und keinen fußbreit Boden aufgab, ebenfalls auf und davon sei. Schließlich — wen brauchte er jetzt, da alles verloren war? Noch eine Stunde, noch zwei... Rochebrun lief atemlos herbei und flehte: „Schicket mir doch ein Bataillon Infanterie!“ „Woher soll ich es nehmen? Ich habe keines“, antwortete Langewitsch gleichgültig. „Wie? Es sind keine Reserven mehr da?“ schrie der Franzose. „Von meinen Zuaven bleibt keiner am Leben! Der Feind vernichtet sie bis auf den letzten Mann, er wirft Bataillon um Bataillon gegen uns!“ Der Diktator schwieg. „Was wird also geschehen?“ Der Franzose ließ nicht nach. General Waligorski rief ihm mit bebender Stimme zu: „Panie! Schau, daß du zu deinen Zuaven kommst! Denn wenn sie alle umkommen müssen, wäre es eine Schande, wenn du, ihr Befehlshaber, am Leben bliebst.“ Ein junger Major stürmte vorbei, seinem Infanteriebataillon voran und rief: „Hurra, los auf den Russen!“ Mordechai, welcher die ganze Zeit, das Gewehr in der Hand, untätig zugesehen hatte, folgte dem Bataillon. Die Russen kamen mit gefälltem Bajonett näher; noch hundert Schritte, und sie würden die Attacke auf die Zuaven beginnen. Wie aus dem Boden gewachsen, tauchten plötzlich die Masuren wieder auf. Ihre Sensen mähten Köpfe, Hände, Füße und ließen die Bajonette nicht herankommen; von der Flanke her verbiß sich das Bataillon Infanterie in den Feind. Der konnte nicht standhalten. Die Kanonen verstummten plötzlich. „Sie fliehen!“ Da und dort wurden die zwei Worte, die so unglaublich klangen, von anderen Stimmen aufgenommen. „Sie fliehen!“... Etwa fünfzehn Soldaten sammelten sich. „Wo sind wir?“ „Bleibt hier stehen“, sagte ein Unteroffizier. „Ich will sehen, wo die Unseren sind, und euch dann holen.“ Einige aus dem kleinen Trupp setzten sich nieder, andere blieben stehen und sahen einem Masuren zu, der sich bei einem gefallenen Russen zu schaffen machte und seine Taschen durchsuchte. „Das war eine Schlächterei!“ „Wir habens ihm aber heute gegeben, dem Russen!“ „Der Russe soll heute mehr als 8000 Mann gegen uns geworfen haben! ...“ „Es waren mehr!“ „Aber er hat dreingehaun!“ „Wer?“ „Czechowski!“ „Und die Zuaven waren auch nicht faul!“ „Wieviel Tote mögen wir wohl haben?“ „Das weiß man nicht!“ „Mich hat die Muttergottes beschützt — nicht einmal geritzt hat mich eine Kugel!“ Fortsetzung folgt.