Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 35 (3.10.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-10-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER AUFSTAND VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 33. Fortsetzung „Wir haben noch etwas geleistet,“ hob ein anderer hervor, „wir haben Mieroslawski erledigt.“ „Dieser Tag hat dadurch historische Bedeutung,“ Jezioranski pflanzte sich in seiner ganzen Größe vor Langewitsch auf, „daß Europa unsere Adresse, daß heißt Polens Adresse erhalten hat.“ Er beugte sich zu dem Diktator nieder, umarmte ihn und sprach mit Emphase: „Und unsere Adresse bist du, Langewitsch!“ „Es lebe Langewitsch! Es lebe unser Diktator!“ Verlegen, ja hilflos stand Langewitsch da. Die Worte sausten auf ihn wie Steine nieder, und obwohl er alle seine Kräfte zusammennahm und jedem einzelnen zulächelte, so fühlte er doch deutlich, daß alles nur Spiel war: Henryka hat recht — welchen Sinn hat es, Diktator zu sein, so lange der Feind nicht geschlagen ist? Suchend blickte er sich in dem verrauchten Zimmer um. „Wo ist die Pustowojtowna?“ Sie trat ein und salutierte: „Hier bin ich, Herr General!“ Er fing ihren Blick. Der Blick mahnte, daß er den Feind aufsuchen, sich ihm stellen, ihn schlagen müsse. Doch hinter diesen Worten stand das Furchtbare, das Grauenvolle; beim geringsten Fehltritt würden alle, die hier ihre Freude geäußert, die ersten sein, die ihm das Wort „Verräter“ ins Gesicht schleudern. Wie war denn das Ende Skizynieckis und des Fürsten Josef? Langewitsch sah es mit erschreckender Klarheit: Wer den polnischen Staat errichten will, muß es in einem Tage tun, sonst — ist er verloren. DER TAG VON GROCHOWISKI Finstere, kalte Nacht. Die Armee bewegte sich auf Seitenpfaden mühselig vorwärts, Kolonne um Kolonne, in Reihen zu zwei oder drei Mann; wenn ein umgestürzter Wagen aus dem Morast gezogen werden mußte, blieb man stehen. Die Kienfackeln und Laternen, die den Weg beleuchten sollten, verstärkten noch die Wirkung der Dunkelheit; außerdem waren sie gefährlich, da der Feind die Truppe schon drei Tage nicht hatte zur Ruhe kommen lassen. Kleine Kosakenschwärme lagerten mit ihren Pferden im Tale bei lodernden Feuern. „Halt, halt!“ tönte es von allen Seiten. „Was gibt es schon wieder?“ fragte ein Soldat, während er das Gewehr auf die linke Schulter warf. „Das weiß der Teufel!“ „Ist das eine Nacht!“ „Wenn jetzt der Feind angreift-“ „Nimmt er uns alle gefangen!“ „Ich habe seit früh nichts gegessen!“ „Meine Füße tragen mich kaum, Kamerad!“ „Nimm ein wenig das Gewehr von der Schulter, dann wirst du besser marschieren können.“ Der Halt währte fünf bis zehn Minuten. Die Beine wurden immer schwerer. Einer lehnte sich an den anderen und schlummerte im Stehen. „Warum stehen wir?“ fuhr einer auf. „Ich weiß das so genau wie du!“ „Es heißt, daß die Bauern, welche uns führen, durchgegangen sind.“ „Was wird nun geschehen?“ „Eine Patrouille wurde ins Dorf geschickt, um andere Bauern zu suchen!“ „Wenn wir wenigstens hier übernachten dürften...“ „Und einen warmen Löffel in den Magen bekämen!“ Eine Patrouille mit gezogenen Revolvern eskortierte drei Bauern und schärfte ihnen unaufhörlich ein: „Wenn ihr es wagt davonzulaufen, werdet ihr niedergeknallt!“ „Wir sind doch unter unseren Leuten, nicht unter Russen, warum sollen wir fortlaufen?“ antwortete jedesmal ein untersetzter Bauer. „Wir kennen euch!“ Es ging weiter. Die Finsternis wurde so dicht, daß keiner den anderen erkannte; wer aus der Reihe geriet, fand schwer zurück. „Wie geht ihr denn?“ rief eine Reihe der anderen zu. „Wie Vieh!“