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Das jüdische Echo · 1930-10-03 · 40 (3.10.1930) · p. Seite 557

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
17 (1930)
Issue
40 (3.10.1930)
Date
1930-10-03
Page
Seite 557 (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 40 3. Oktober 17. Jahrgang Neuorganisation der Abwehr (Schluß) Mit der Abkehr von der bisherigen Art des Abwehrkampfes, einschließlich der überalterten Leitung, ergeben sich aber von selbst die neueinzuschlagenden Wege und Kampfmethoden. Wenn in X-Dorf eine antisemitische Versammlung stattgefunden hat, so dürfen wir die wüsten Lästerungen nicht ruhig und stillschweigend einsteckem das Schweigen wird vielfach auch von Neutralen als Schwäche ausgelegt, als Eingeständnis, daß die Angriffe nicht widerlegt werden können; nein, da müßte, wie schon von anderer Seite im „Familienblatt“ ausgeführt wurde, sofort eine Gegenversammlung einberufen werden; wo dies aber, wie meistens, nicht möglich ist, müßte der ganze Ort, angefangen vom Bürgermeister und Ortspfarrer bis zum letzten Taglöhner herab, mit aufklärenden Flugschriften überschwemmt werden, die Bierbankpolitiker, die sich über die antisemitische Versammlung unterhalten, müßten auch die Widerlegungen aus den Abwehrflugblättern sofort erfahren und kennenlernen. Und wenn das X-Dorfer Tage- oder Wochenblatt einen Bericht über die antisemitische Versammlung bringt, so muß so rasch als möglich im redaktionellen oder Annoncenteil, eventuell gegen Bezahlung, ein aufklärender, in kräftigem Ton gehaltener Gegenartikel erscheinen; die meisten kleinen Provinzblätter stehen, soweit sie nicht extrem rechts eingestellt sind, jüdischen Angelegenheiten neutral gegenüber, nehmen sicherlich ein bezahltes oder unbezahltes Eingesandt gern auf, besonders wenn großsädtische jüdische Firmen im Interesse der Allgemeinheit das Opfer bringen statt in ausgesprochen oder verschämt — auch unverschämt — antisemitischen Zeitungen in solchen Lokalblättern zu inserieren. Flugblätter und Abwehrartikel kommen auf diese Weise viel sicherer in die Hände derjenigen die aufgeklärt werden sollen, als jetzt durch die offiziellen Abwehrblätter und die C.V.- Zeitung. Denn wer liest diese? Höchstens die Mitglieder der Abwehvereine und — Hand aufs Herz! — nicht einmal sie alle. Unsere Feinde aber und die Neutralen, für die sie doch in erster Linie bestimmt sind, erfahren von den Protesten in unseren Zeitungen ebenso wenig wie von den Widerlegungen in unseren Versammlungen Auch sonst gibt es noch Möglichkeiten, Aufklärung in breite Volksmassen zu tragen und damit der Abwehr zu dienen; nur auf folgende sei hier aufmerksam gemacht. Kurz nach dem hiesigen Talmud-Prozeß, der Streicher einige Monate ins Gefängnis bringt, hat Rabbiner Dr. Freudenthal in der Hauptsynagoge in einer Predigt über den Talmud gesprochen, mit einer Klarheit, mit einer Logik, mit einer Beweiskraft, die an mathematische Lehrsätze erinnerte, gab er Aufklärungen über den Inhalt, eine Ehrenrettung dieses viel geschmähten Buches, wie man sie besser, verständlicher und wirkungsvoller nicht denken kann. Die Predigt mutete trotz ihrer Kürze wie ein ausgezeichnets fachmännisches Gutachten an, knapp, klar, bestimmt; selbst fanatische Judenfeinde hätten 'sich ihrem Eindruck nicht enU ziehen können. Leider hat sie nur vor dem kleinen Kreis zufälliger Synagogenbesucher stattgefunden, sie hätte verdient Tausenden, Hunderttausenden von Andersgläubigen bekannt zu werden in Form von Flugblättern, die Stadt und Land überschwemmen müßten, Arm und Reich. Hoch und Niedrig, Gebildete und Ungebildete; ja solche Vorträge müßten eigentlich in Volksversammlungen gehalten werden, und wenn man sich scheut, sich den Störungen und Schmutzangriffen unserer Feinde auszusetzen, warum benutzt man nicht die öffentlichen Vorträge, die von der hiesigen „Gemeindebibliothek“ in der Synagoge an Winter-Sonntag-Nachmittagen veranstaltet und auch von zahlreichen Nichtjuden besucht werden? Statt schwierige religionsphilosophische und geschichtliche Fragen zu erörtern, die vielleicht in Vorlesungen für Theologie-Studierende des 8. Semesters gehören, aber nicht in populäre Vortragsreihen, wäre es unter den derzeitigen Verhältnissen wahrlich richtiger und wichtiger, über den Talmud zu sprechen oder über die Schächtfrage, die Dr. Freudenthal in einer späteren Predigt gleich kar und sachlich behandelte, leider wieder nur vor einem relativ kleinen Zuhörerkreis. Solche aktuelle Tagesfragen, von berufenem Mund in glänzender Rhetorik an geweihter Stätte für jedermann zugängig und verständlich besprochen; das müßte auf die vielen Neutralen, die sich gern belehren lassen wollen und willig dem folgen, der am überzeugendsten spricht, ganz anders wirken, als die üblichen, aus „Über-Ästhetik“ heraus geborenen hochwissenschaftlichen Vorträge, als die in allgemeinen Redensarten und Erörterungen sich ergehenden Propaganda-Schriften. Wir müssen nicht immer nur Gymnasialdirektoren und Universitätsprofessoren, Senatspräsidenten und Kirchenfürsten für die Abwehrbewegung zu interessieren suchen, sondern vor allem den einfachen Mann, die breiten Schichten des Volks durch mündliche und schriftliche Aufklärungen, die ihrem Verständnis angepaßt sind. Ein Weg dazu wären die erwähnten Vorträge; und wie hier in Nürnberg, könnten sie auch anderwärts durchgeführt werden, an guten Rednern, die das jeweilige Thema beherrschen, fehlt es nicht. Eine großzügige und doch bis ins Kleinste, d. h. bis ins kleinste Dorf gehende Propaganda der Aufklärung und der Abwehr darf auch nicht ehrenamtlicher Tätigkeit überlassen bleiben, sondern nach dem Vorbild der Zionisten, von deren zielbewußtem Vorgehen und selbstloser Opferwilligkeit auch die Nichtzionisten manches lernen könnten, muß ein besonderes Büro oder in den Büros unserer gemeindlichen Organisationen eine besondere Abteilung dieses Gebiet besonders und mit besonderer Aufmerksamkeit bearbeiten, namentlich in Wahlzeiten. Es ist unmöglich, daß jemand, der tagsüber in

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