Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 37 (12.9.1930)
- Date
- 1930-09-12
- Page
- Seite 518 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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518 Das Jüdische Echo Nr. 37 Daß hinter diesen Weltanschauungen mächtige wirtschaftliche Kräfte stehen, ist dem politisch Denkenden kein Geheimnis. Allen bürgerlichen Parteien ist gemeinsam die Vertretung privatwirtschaftlicher kapitalistischer Interessen, das Zentrum nicht ausgenommen, das es verschmäht hat, mit den Sozialdemokraten zu regieren, und Dekkung unter den Rechtsparteien bis in die Nähe Hugenbergs gesucht hat und das sich nicht gescheut hat, die Interessen seiner Arbeiterwähler den Interessen des Großkapitals zu opfern. Diejenigen jüdischen Volksgenossen, die sich berufen fühlen, das Kapital zu schirmen, werden sich einer dieser bürgerlichen Parteien anschließen. Ob sie damit ihren eigenen Idealen oder auch nur ihren eigenen Interessen dienen, ist eine andere Frage. Glaubt jemand, daß eine der reaktionären bürgerlichen Parteien trotz aller Wahlversprechungen sich davor scheuen wird, selbst mit den Nationalsozialisten Hand in Hand zu gehen, wenn es sich darum handelt, zur Macht zu gelangen? Ist es nicht die Deutsche Volkspartei, die das Regieren des Herrn Dr. Frick in Thüringen ermöglicht? Es wäre vielleicht nicht uninteressant, besonders in Bayern die jüdischen Mitbürger an die Zeiten des Jahres 1923 zu erinnern und die Frage aufzuwerten, welche Partei, -welche Presse ihnen Schutz gewährt hat. Nicht aus Liebe zum Judentum, sondern aus Liebe zur Gerechtigkeit, nicht aus irgendwelchen Interessen, sondern aus der Grundanschauung der Sozialisten über die Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt. Es ist kein Zufall, daß eine Reihe hervorragender Juden auch hervorragende Vertreter des Sozialismus gewesen sind. Es liegt tief in der Seele des Judentums begründet, daß es stets bereit war. die Unterdrückten zu stützen, den Armen zu helfen, den Schwachen beizustehen. Es ist kein Zufall, daß in der hebräischen Sprache Wohltun und Gerechtigkeit in einem Worte vereint sind. Die Weltanschauung der Juden ist begründet in der Erwartung der messianischen Zeit, in der an Stelle der Unterdrückung Freiheit, an Stelle des Halsses Liebe herrscht. W^ll der Sozialismus etwas anderes? Mit vorzüglicher Hochachtung D r. M. Epstein. Kulturschande des Antisemitismus Auf Veranlassung der Deutschen Liga für Menschenrechte haben hervorragende Deutsche folgenden Aufruf veröffentlicht: „An das deutsche Volk! Die schwierige wirtschaftliche Lage wird von unverantwortlichen Elementen dazu benützt, eine schamlose antisemitische Hetze zu entfalten, die sich in letzter Zeit so gesteigert hat, daß offen Pogrome angedroht werden. Das Bestreben, eine besondere Schicht des deutschen Volkes für die wirtschaftliche Depression verantwortlich zu machen, muß von jedem anständigen Menschen auf das allerschärfste zurückgewiesen werden. Jedem Staatsbürger bleibt es unbenommen, frei und offen seine Ansichten auszusprechen, aber die Demagogie, mit der z. B. die nationalsozialistische Presse Tag für Tag arbeitet, ist eine Kulturschande ersten Ranges. Gegen diese Kulturschande erheben die Unterzeichneten ihre Stimme, weil sie nicht mitschuldig werden wollen an der infamen Verunglimpfung der Juden. Sie machen auf die in der Reichsverfassung jedem Staatsbürger gewährleisteten Rechte aufmerksam und fordern die Regierung auf, den angegriffenen Volksteil im Sinne der Reichsveriassung zu schützen. An das gesamte deutsche Volk appellieren die Unterzeichneten aber, sich von der kulturwidrigen antisemitischen Hetze abzuwenden. Deutschland ist heute das einzige große Land, wo diese Art von Antisemitismus überhaupt noch Boden hat. Sowohl im bolschewistischen Rußland wie im faschistischen Italien, ganz abgesehen von Frankreich, England oder Amerika, wird jede Gewalttätigkeit gegen Juden auf das entschiedenste abgelehnt. Erst kürzlich hat der italienische Ministerpräsident Mussolini erklärt, daß er den Antisemitismus innerhalb der faschistischen Bewegung weit von sich weise und sich keinesfalls mit der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland identifiziere. Eine mit den schlimmsten Terrormethoden arbeitende Minderheit darf nicht das deutsche Volk unter das Niveau der anderen großen Völker herabdrücken. Darum rufen die Unterzeichneten Männer und Frauen, welche der jüdischen Religionsgemeinschaft nicht angehören, gegen diese Kulturschande des Antisemitismus auf. Dr. Georg Graf Arco, Prof. Dr. Baumgarten, Gertrud Bäumer, Jd. d. R., Pfarrer August Bleier, Oberbürgermeister Brauer-Altona, Generalmajor a. D. v. Bresler, Arthur Crispien, M. d. R., B. von Deimling, General a. D., Prof. Dr. Martin Dibelius, Hans Eder-München, M. d. R., Kaplan Fahsel, Pastor Emil Felden, Reichsminister a. D. Dr. Gothein, Staatsminister Grimme, Regierungspräsident Dr. Hausmann, Dr. Gerhart Hauptmann, Geheimrat Prof. Dr. Holde, Stadtpfarrer E. Lamparter, Prof. Dr. h. c. Thomas Mann, Senator Dr. Nöldecke, Bürgermeister Dr. Petersen, Staatsminister a. D. Ronneburg, Reichsminister a. D. Carl Severing, Oberpräsident Stehr, Freiherr von Schoenaich, Prof. Levin L. Schücking, Prof. Walther Schücking, Prof, v. Schulze-Gaevernitz, Pater Franziskus M. Stratmann O. P., Domherr Karl Ulitzka, Prof. Dr. Veit Valentin, Prof. Dr. Konrad Ziegler, Landgerichtspräsident Dr. Hans Zint.“ Die Tagung der Jewish Agency Berlin, 2. September. (JTA.) In der Sitzung vom 31. August vormittags wurde die allgemeine Aussprache fortgesetzt. In der Nachmittagssitzung vom Sonntag referiert Dr. Senator über das Budget, Ussischkin über die Bodenfrage, sodann spricht Judge Lewis (Amerika) über die Probleme des Allied1 Jewish Campaign. Darauf wird die Sitzung geschlossen und es beginnen die Kommissionsberatungen. Berlin, 2. September. (JTA.) In der Vormittagssitzung vom 2. September wurden vier von der Politischen Kommission vorgelegte Resolutionen angenommen. In der ersten wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die britische Regierung in Übereinstimmung mit Artikel 4 des Palästina- Mandates und in Berücksichtigung des von der Exekutive der Jewish Agency unterbreiteten Memorandums über die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims nach Erhalt des Berichteis von Sir John Hope Simpson ein konstruktives Programm zur Beschleunigung und Sicherung des jüdischen Pafästina-Aufbaus im Geiste und nach dem Buchstaben des Mandates* entwerfen wird. Das Administrative Committee erklärt seine volle Bereitschaft zu tätiger Mitwirkung an der Ausführung eines