Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 31 (5.9.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-09-05
- Page
- Seite 60 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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60 Romanbeilage des „Jüdischen Echos Nr. 31 „Warum schweigst du denn?“ „Was kann ich tun, wenn der Kerl mit einem ,Dokument4 aus Warschau angerückt kommt? Da heißt es nur Maul halten, und wenn du zerspringst, Unterwerfung unter den Befehl der Geheimorganisation! Morgen haben wir eine Beratung, der Stab wird vollzählig versammelt sein; da soll es sich entscheiden, ob die Diktatur anzunehmen oder abzulehnen ist. Es ist möglich, daß ich dann morgen die Frage anschneide; vielleicht suche ich dich noch heute abend auf.“ Sie verabschiedeten sich. AM LAGERFEUER Die Zuaven verstreuten sich über die Ebene und begannen Gräben auszuwerfen, in denen übernachtet werden sollte. Mordechai und Wirzbicki bauten sich aus Ästen und Stangen ein Zelt und deckten es mit Stroh und Erde. Da und dort flammten Feuer auf. In Gruppen von zehn bis zwanzig Mann saß man um die Feuer, briet Kartoffeln, röstete Wurststücke auf Zweigen und plauderte. Und wenn die Reden plötzlich verstummten, so stimmte einer ein Lied an; die andern hüllten sich in die Decken, schlugen mit den Stiefeln den Takt und gaben sich gesenkten Hauptes in die Hut der Nacht. Krasnopolski, der mit untergeschlagenen Beinen und der Troddel auf der Mütze einem Türken glich, qualmte eine kurze Pfeife und spuckte mit großer Fertigkeit ins Feuer. Im Dunkel der Nacht war nicht zu sehen, daß Krasnopolski nahezu zwerghaft klein war; und seine Stimme klang so sicher, daß alle ringsum sich in seiner Nähe wohlfühlten. „Diese Leute können sich doch nicht mit Garibaldi vergleichen?!“ Seiner Gewohnheit gemäß übersetzte Krasnopolski jeden polnischen Satz ins Französische. „Auch mit Mieroslawski nicht?“ fiel ein Mieroslawski-Anhänger ein. „Mieroslawski hat alles verloren und dazu noch erbärmlich verloren“, sagte ein dritter. „Es ist nun einmal so, Panowie, ein Held darf nicht geschlagen werden.“ „Was konnte der General mit seinen sechzig Mann ausrichten? Der Feind hatte ihn umzingelt. Da hätte Garibaldi selber auch keinen Rat gewußt!“ „Wenn er sich vom Feinde umzingeln ließ, so hatte er nur zwei Möglichkeiten: entweder sich durchzuschlagen oder selbst auf dem Platze bleiben; nur eines von beiden durfte er tun, doch nicht Reißaus nehmen, nachdem er seine sechzig Mann wie das Vieh hatte abschlachten lassen!“ Ein Klosterbruder in weißem Mantel mit spitzer Kapuze stand plötzlich beim Lagerfeuer. Eine Zeitlang hörte er dem Gespräche zu, dann schlug er mit starrem Blick über der Mannschaft ein Kreuz und schrie mit gewaltiger Stimme: „Es lebe Langewitsch!“ Fremdartig tönte der Ruf durch die kalte Nacht. Ehe sich die Soldaten recht umsahen, war der Klosterbruder verschwunden und stand schon bei einem anderen Feuer; von der Ferne hallte sein „Es lebe Langewitsch!“ wie eine Unheilsbotschaft herüber. „Es sind zu viele Kutten bei uns im Stab“, sagte ein Garibaldianer. „Auch zu viele Weiber!“ „Das wäre nicht halb so schlimm!“ „Ihr lästert!“ „Ich möchte am liebsten jeden Adeligen aufhängen!“ „Und ich jeden Pfaffen!“ rief ein Italiener. „Ohne die Pfaffen würde das Bauernvolk nicht mittun!“ „Tun sie denn so mit, die Tröpfe?“ „Ganz richtig, Borgia hat recht — ein Adeliger oder ein Pfaffe, beide verdienen bloß den Galgen!“ „Und ihr seid dessen sicher, daß euer Garibaldi uns zu Hilfe kommt?“ „Er kommt mit einer Armee!“ „Und Kossuth, heißt es, mit einer zweiten!“ „Und die Franzosen, glaubt ihr, werden stillsitzen?“ „Schön dumm wäre der Franzose, wenn er sich nicht rührte!“ „So werden wir ja bald in Warschau sein!“ „Oh, Brüderchen, dort werden sie uns einen Empfang bereiten! ...“ „Und wo ist deine Jadwiga, Janek?“ „In Warschau.“ Die Augen glänzten. Einer brachte eine Flasche Branntwein, tat einen Schluck und ließ sie kreisen. Einige Mann, die Wachslichter in den Händen trugen, kamen näher. „Was ist das für eine Prozession?“ „Ist jemand gestorben?“ „Die Wachen, werden abgelöst.“ „Bei Licht?“ Die Patrouille schwenkte feldein und verschwand in der Dunkelheit. Bei den Feuern schrie noch immer der Klosterbruder sein „Es lebe Langewitsch!“. „Warum hört er nicht auf zu krächzen?“ „So eine weiße Fledermaus!“ „Lästert nicht!“ Ein alter Mann kniete nieder und bekreuzigte sich. „Hier schlägt man kein Kreuz!“ „Marsch, in die Kirche!“ (Fortsetzung folgt.)