Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 30 (29.8.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-08-29
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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58 RomanbeilaKe des „Jüdischen Echos Nr. 30 Papieren. Mordechai salutierte. Ein Adjutant gähnte ihm ins Gesicht und fragte dabei: „Was willst du?“ „Ich suche den Adjutanten Kahane.“ „Er ist mit dem Stab in der Stellung.“ Mordechai ging und fragte weiter nach dem Stabe. Niemand konnte ihm Auskunft geben. Man wies ihn bald nach links, bald nach rechts. Von allen Seiten strebten Soldaten der Krakauer Chaussee zu. Mordechai folgte ihnen. Ein bekanntes Gesicht kam ihm entgegen; es weckte ein Lächeln in Mordechai, doch er konnte sich zunächst absolut nicht des Namens entsinnen. „Sie erkennen mich nicht, Panie Alter?“ „Blum!“ „Hier heiße ich nicht mehr Blum,“ und mit einer Verbeugung, „hier heiße ich Leon Finkelstein; ich bin britischer Untertan und Gewehrlieferant der polnischen Armee.“ Während des Sprechens warf sich das kleine Männchen stolz in die Brust und machte ein gewichtiges Gesicht. „Britischer Untertan? Wieso?4“ fragte Mordechai erstaunt. „So ist es bequemer, Panie Alter; ich habe mehr Bewegungsfreiheit, die Grenzen stehen mir offen, und mit jedem Zug kommen Gewehre, und nicht nur Gewehre, sondern auch Sattelzeug, Riemenwerk, Patronentaschen. Und in Paris hat man mich verlacht und mich im Verdacht gehabt, daß ich von den ,Weißen4 und den .Roten4 Unterstützungen empfange. Blum hat stets für Polen geblutet und wird es auch weiterhin tun!“ „Wie sind Sie aber britischer Untertan geworden?“ Das ist eben die Kunst, Panie Alter! Sie wissen ja, ein Jude weiß sich stets zu helfen! Auf Wiedersehen, ich bin jetzt sehr pressiert, ich habe noch eine Konferenz mit General Langewitsch. Heute oder morgen hören wir eine Neuigkeit, eine wichtige Neuigkeit, Panie Alter; vorläufig heißt es aber — Hand auf den Mund!“ Blum blähte sich auf, und mit der Miene eines Diplomaten ging er bedächtig von dannen. Lächelnd sah ihm Mordechai nach, dann bog er zur Chaussee ab, an deren Seiten kleine, schmale, einspännige Wagen, wie sie die Juden haben, in Reihen standen. Auf den Wagen waren Eßwarenhandlungen, Schenken und Juwelierläden improvisiert. Soldaten gingen von Wagen zu Wagen, kauften und verkauften, schmückten sich mit Uhren, Ketten und goldenen Ringen, tranken stehenden Fußes eine Flasche Bier oder Wein und aßen dazu Wurst oder Hering — kurz, sorgten dafür, daß ihnen von der Löhnung kein Groschen in der Tasche blieb. Eine Polin mit zwei schönen Töchtern machte den Juden Konkurrenz. Die Töchter boten frische Semmeln an; die Mutter hielt goldene und silberne Kreuzchen im Herumgehen zum Verkauf feil und tat, als sähe sie nicht, daß ihre Töchter Arm in Arm mit den .Soldaten schäkerten und für einen Kuß mehr Geld bekamen als für zehn Wurstsemmeln. Auf der Chaussee tauchten drei jüdische Bettler mit Säcken auf dem Rücken auf. Voran humpelte ein Krüppel an einer Krücke und plauderte wie ein guter Bekannter mit dem Stabschef, der neben ihm ging. Erstaunt wandte sich Mordechai an die zwei anderen Bettler: „Was tut ihr hier, Juden?“ „Was Eure Kavallerie nicht auskundschaften kann, das kundschaften wir aus44, warf ein kleiner roter Jude selbstbewußt hin. „Was heißt das?“ „Wir sind beim Stab; wir bringen nämlich die verläßlichsten Nachrichten“, antwortete der rote Bettler bereitwillig. „Und werdet Ihr dafür bezahlt?“ „Wir werden bezahlt, der mit der Krücke arbeitet unentgeltlich.“ Mit dem Wort „Spion“ hatte Mordechai stets die Vorstellung von einer hageren, langen Gestalt verbunden, doppelzüngig und schlüpfrig wie ein Blutegel; und jetzt sah er jüdische Bettler mit stumpfsinnigen, hungrigen Augen vor sich, hörte von der Opferwilligkeit des Bettlers mit der Krücke; das Wort „Spion“' klang ihm nicht mehr verächtlich. Von einer Anhöhe nahte der Stab. Langewitsch, Czechowski, Jezioranski und zwei Priester schritten inmitten der Adjutanten, die mit ihren prunkenden Uniformen ganz und gar nicht zu einer Armee von Aufständischen paßten. Während Mordechai noch vergeblich unter ihnen Kahane suchte, faßte ihn dieser am Arm: „Seit Mittag bin ich auf der Suche nach dir; ich war schon bei Komarowski. So eine Armee hast du dir wohl nicht träumen lassen und so*einen Stab erst recht nicht, was? Diktator werden — schön; dann muß aber auch alles danach sein! Wenn Napoleon einen Stab hatte und Zar Alexander II. einen Stab hat, warum soll Langewitsch nicht auch einen haben?“ „Wird denn Langewitsch Diktator?“ fragte Mordechai; dabei fiel ihm Blums geheimnisvolle Äußerung von der wichtigen Neuigkeit ein, die es heute oder morgen im Stabe geben würde. Fortsetzung folgt.