Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 34 (22.8.1930)
- Date
- 1930-08-22
- Page
- Seite 473 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 34 22. August 17. Jahrgang Der 14. September-ein Schicksalstag! Von Dr. Ludwig Freund Wie aus einem Inserat dieser Nummer ersichtlich, hat sich in München ein „Wahlkampfausschuß 1930 des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Verbindung mit anderen Organisationen“ gebildet, dem insbesondere auch Vertreter der Zionistischen Ortsgruppe angegehören. Angesichts des schweren Kampfes, den die gesamte deutsche Judenheit heute um ihre Existenz zu führen hat, ist die Bildung einer solchen gemeinsamen Front nur zu begrüßen. Aus den Kreisen des Wahlkampfausschusses geht uns der nachfolgende Artikel zu, den wir gerne veröffentlichen, um unsere grundsätzliche Übereinstimmung mit seinen Forderungen zum Ausdruck zu bringen und zu unterstreichen, wenn wir auch nicht mit allen seinen Formulierungen einverstanden sein können. D. Red. Es erübrigt sich, über die wachsende Gefahr des Nationalsozialismus große Worte zu verlieren. Jedem sind die entscheidenden Tatsachen mehr oder weniger bekannt. Die wirtschaftliche Krise, die soziale Not sind Helfershelfer radikaler politischer Bestrebungen. Sie führen diesen Bestrebungen immer neue Scharen unzufriedener und verbitterter Menschen zu. Ohne eine Spur von Parteilichkeit gegenüber dem bestehenden System muß doch mit aller Deutlichkeit gesagt werden, daß im Hinblick auf die gefährlichen Formen der Propaganda, die gerade die nationalsozialistische Partei und ihre Anhänger betreiben, die maßgebenden Stellen die richtigen Maßnahmen zur rechten Zeit versäumten. Hätte man sich zu strengen und durchgreifenden Maßnahmen gegenüber dem staatsfeindlichen und volksspaltenden Nationalsozialismus noch vor einigen Jahren entschlossen, so wäre er heute nicht in der Lage einen weithin sichtbaren Schatten auf die zukünttige Entwicklung der Dinge in Deutschland zu werfen und finstere Ahnungen für die Zukunft aufsteigen zu lassen. Die „drakonischen Maßnahmen“, die jetzt gegen den Nationalsozialismus ergriffen werden, treffen eine starke, geschlossene, in ihrer Gesinnung verhärtete, in der Entschlossenheit ihrer Anhänger unerschütterte Partei, deren Gefüge heute nicht mehr durch amtliche Dekrete und Verordnungen ins Wanken gebracht werden kann. Diese Feststellung sei vorausgeschickt. Daß die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Schichten des deutschen Volkes in sich schließt, die durch wahnwitzige und hemmungslose Propaganda in einen maniakali'schen, krankhaften Haß gegen alles Jüdische hineingesteigert wurde, dürfte jedem hinlänglich bekannt sein. Und doch ist es notwendig, an diese selbstverständlichen Tatsachen mit allem Nachdruck, der zu Gebote steht, zu erinnern. Wir wissen, daß sich eine Menge Juden angesichts der traurigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Deutschland der Hoffnungslosigkeit, dem Fatalismus verschrieben haben. Sie glauben die Dinge nicht ändern zu können und überlassen sie ihrem verhängnisvollen Lauf. Sie haben es aufgegeben, große Berechnungen für die Zukunft und über die Zukunft anzustellen. Sie halten die Entwicklung, wie sie geworden ist und wie sie weiter wird, für unabänderlich. Ihr Interesse ist abgestorben an den unmittelbarsten Angelegenheiten, die sie angehen. Sie machen sich keine Gedanken darüber, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse, die sozialen Beziehungen, die politischen Zusammenhänge, die sich morgen heraussteilen, ihr persönliches Schicksal entscheidend zu beeinflussen vermögen und daß eine nationalsozialistische Diktatur, deren Möglichkeit — was einmal ganz offen ausgesprochen werden soll — gar nicht so ferne liegt, jedem einzelnen Juden in Deutschland die Gefahr seiner wirtschaftlichen, sozialen, persönsichen Existenzvernichtung vor Augen rückt. Der jüdische Mann und die jüdische Frau, die am 14. September von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch machen, verabsäumen nicht nur ihre Pflicht gegenüber dem Vaterland, dessen Geschick durch die Gesinnung des Volkes, die sich im Wahlzettel manifestiert, entschieden wird. Sie verabsäumen nicht nur ihre Pflicht gegenüber der deutschen Judenheit, die am 14. September als wirtschaftliche, soziale und religiöse Gruppe einen Kampf auf Leben und Tod mit ihren unerbittlichen Gegnern führt. Sie verabsäumen und verletzen auch das einfache Gebot der Vernunft, von dem elementarsten und wichtigsten Recht, das jeder Staatsbürger in Deutschland besitzt, d. h. vom aktiven Wahlrecht, s o Gebrauch zu machen, daß auf Grund ihrer Stimmabgabe jeweils eine gegnerische Stimme, die die jüdischen Existenzgrundlagen vernichten will, aufgehoben und unwirksam gemacht wird. Das ist die billigste Forderung im wohlverstandenen und eigensten persönlichen Interesse, im Interesse der Selbsterhaltung, eine Forderung, die man an alle jüdischen Bürger des deutschen Staates richten kann und richten muß: Wählt, damit durch eure Stimme wenigstens eine entsprechende Stimme des Feindes paralysiert wird! Und wählt, damit der größtmögliche Erfolg denjenigen Parteien gesichert wird, die eure Rechte nicht schmälern und die Gleichberechtigung aller Bürger verteidigen1! Die Frage ist berechtigt: Welche Parteien können die jüdischen Staatsbürger wählen, ohne sich selbst ihr Grab zu schaufeln? Ohne irgendeine Partei besonders hervorzuheben, sei diese Frage knapp und klar beantwortet. Sämtliche Parteien, die den Nationalsozialismus energisch bekämpfen, verdienen Förderung, vom jüdischen Standpunkte aus gesehen. Es ist selbstverständlich, daß jeder Jude die Partei wählt, zu der er sich weltanschaulich hingezogen fühlt. Daß er aber antisemitische Parteien nicht unterstützt, folgt schon aus einfachster Erwägung politischer und persönlicher