Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 28 (15.8.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-08-15
- Page
- Seite 54 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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54 Romanbellage des „Jüdischen Echos" Nr. 28 Tode auferstanden, wäre ein Heiliger geworden, doch da Pius sich nicht zeigte, sondern sich in einer finsteren Kammer versteckt hielt und leben blieb, ist er für uns Katholiken ein Toter.“ Komarowski betrachtete die erschreckten Klosterbrüder, die sich unaufhörlich bekreuzigten; jetzt erst merkte er, daß er das nicht hätte sagen sollen ... Auf dem Heimwege schwiegen die Reiter; sie schämten sich voreinander — solche Scham empfindet man über einen Dieb in der Familie. Es ging ihnen nicht in den Sinn, daß in der Kirche, im Allerheiligsten des polnischen Volkes, dieses Volkes eigener Feind saß... AUF DEM MARSCH Gegen Abend — die aus mehr als zweihundert Mann bestehende Abteilung Rekruten war schon marschbereit — brachten einige kleine Bauernwagen die Gewehre, welche im Walde vergraben gewesen waren. „Wer weiß mit belgischen Gewehren umzugehen?“ rief Komarowski. Einige wenige meldeten sich. „Eine Gewehrkiste öffnen, rasch! Wir brauchen eine Wache für die Waffenwagen!“ Noch ehe Komarowski den Satz beendet hatte, war die Gewehrkiste geöffnet. Wirzbicki verfluchte den Belgier bis ins sechste Glied. Keines der Gewehre, das er zur Hand nahm, ließ sich zusammensetzen. „Dieses verfluchte Volk! Wenn ich den Juden erwische, der uns betrogen hat, auf der Stelle hänge ich ihn!“ schrie Stach. Mordechai war innerlich empört. Hatte sich Kahane nicht schon beklagt, daß Spielzeug statt Gewehre geschickt wurde? Hatte er nicht verlangt, daß die Verpackung kontrolliert werde? Und nun kommt so ein Bauer und schreit: „Der Jud’ ist schuld!“ Seine Empörung ging in Selbstverachtung über. Was habe ich hier zu suchen? Ich will eine Jude sein? Mochte das ganze Haus von Bauern voll sein, mein Vater hat Tallis und Tefillin angelegt und mit Inbrunst das Gebet verrichtet, wenn es Zeit war. Ich könnte nicht einmal das tun!“ Wer weiß, wie weit er in seinem lebhaften Geist gegangen wäre, hätte nicht Wirzbicki, der noch immer die Gewehre prüfte, dem alten Stach entgegnet: „Es war kein Jude, Stach, ein Bruder, ein Katholik, hat uns so betrogen!“ „Warum dauert so lange?“ rief Komarowski. „Wir wurden betrogen, Herr Oberst, sehen Sie nur! Wir werden noch eine Kiste öffnen müssen!“ „Öffnen!“ Berittene Begleitmannschaft umgab die Wagen mit den Gewehr- und Munitionkisten; die Abteilung setzte sich in Bewegung. Ein Mann stimmte ein Lied an. Er wurde rasch zur Ruhe gebracht. Die Bauern marschierten in breiten Reihen; in den Schall ihrer Schritte mengte sich das Knarren der Räder und der Tritt der Pferdehufe. Der Wald lichtete sich. Man erreichte eine Straße. Die Pferde spitzten lauschendl die Ohren; dann senkten sie die Köpfe und nahmen Witterung. Gegen den Schnee der anliegenden Felder zeichnete sich grau die Silhouette eines Reiters ab. „Wer ist der Reiter dort?“ „Ein Klosterbruder.“ Auf einem kleinen Pferd saß er, und wie ein frommer Christ am Palmsonntag seine Palme, so hielt er ein doppelläufiges Gewehr in beiden Händen. „Wohin?“ hielt ihn der Posten an, als er etwa fünfzig Schritt von der Abteilung entfernt war. „Brüder, Christen, führet mich zu Eurem Kommandanten!“ Komarowski, der indessen herangesprengt war, erkannte den jungen Frater mit den Kinderaugen: „Was bringt der Frater Neues?“ „Ich will bei Euch bleiben.“ „Soldat werden?“ „Ja, Panie.“ „Weiß das Kloster davon?“ „Nein, ich bin durchgegangen. Ich halte es für schändlich, lateinische Bücher zu studieren, wenn Polen sich erhebt, um den Feind zu vertreiben! Wir Priester sollten vorangehen, nicht gerade mit dem Gewehr, sondern mit dem Kreuz.“ Der Klosterbruder, welcher gewohnt war, keine eigene Meinung zu äußern und blind zu gehorchen, erschrak über seine eigenen Worte. Er wußte nicht, was er mit dem Gewehr anfangen sollte und stammelte: „Das Gewehr hing nutzlos im Kloster... Ihr habet sicher nicht allzuviel Gewehre... da habe ich es mitgenommen... nur eine Bitte habe ich..., gestattet mir, meine Kleidung zu tragen ...“ „Selbstverständlich!“ Komarowski legte ihm die Hand1 auf die Schulter. „ Wir brauchen viele Priester; wenn wir die Priester haben, gehen die Bauern mit!“ Die Leute waren gerührt. Fortsetzung folgt.