Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 33 (15.8.1930)
- Date
- 1930-08-15
- Page
- Seite 459 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Vummcr 55_ 15. August 17. Jahrgang Jungdeutscher Orden, Staatspartei und Judenfrage Die Umgestaltung des deutschen Parteiwesens in einer Zeit politischer Höchstspannung hat bisher noch nicht zu einer ganz klaren Konstellation geführt, soweit bürgerliche Parteien in Betracht kommen; wenn es schon dem unmöglich ist, zu begründeten Erkenntnissen und Urteilen zu gelangen, der alle aktuellen politischen Fragen, abgesehen von der Judenfrage prüft, so sieht sich der jüdische Betrachter, der in seine Überlegungen immer auch jüdische Probleme einbeziehen muß, vollends einem Wirrwarr gegenüber. Anscheinend nämlich ist der deutsche Jude,, der bisher wenigstens in einer bürgerlichen Partei volle Gleichberechtigung hatte, politisch heimatlos geworden: lehnen ihn die Deutschnationalen in jeder Schattierung unverblümt ab, sind Deutsche Voilkspartei und Wirtschaftspartei, wie sie in Thüringen und Sachsen zur Genüge bewiesen haben, jederzeit bereit, ihn um ihrer wirtschaftspolitischen Ziele willen an die Nationalsozialisten zu verkaufen, ist das Zentrum bei aller Toleranz seinem Wesen nach eine christliche Partei ohne Möglichkeiten für jüdische Betätigung, so scheint nun auch die aus der Ehe der früheren demokratischen Partei rniit dem Jungdeutschen Orden entstandene Staatspartei in ihrer Stellung zu den Juden recht zweifelhaft. Zwar behauptet sie, nicht antisemitisch zu sein. Bisher hat sie jedoch das auf jüdischer Seite ihr gegenüber bestehende Mißtrauen noch nicht aus der Welt schaffen können. Den Grund für‘dieses Mißtrauen braucht man nicht lange zu suchen: Der Jungdeutsche Orden, der eine Partner der neuen Ehe, der als solcher ja weiterbesteht, lehnt die Aufnahme von Juden nach wie vor ab, beharrt auf dem Arierparagraphen und sein Führer Mahraun gibt öffentliche Erklärungen ab, aus denen man nur folgern kann, daß der Jungdeutsche Orden auch gar nicht gewillt ist, in diesen Dingen irgendwelche Änderungen vorzunehmen. Eine höchst interessante Erklärung, die er unlängst im „Jungdeutschen“ veröffentlichte, sei ihrer Wichtigkeit wegen hier vollinhaltlich wiedergegeben. „Verschiedene Zeitungen veröffentlichten einen Brief, in dem ich einem besorgten Freunde die Versicherung gab, daß sich die Volksnationale Reichsvereinigung selbstverständlich gegen alle diejenigen Juden zur Wehr setzen werde, welche an den Grundsätzen unserer christlichen und deutschen Kultur rütteln wollen. Andere Zeitungen bezeichnen das Vorhandensein des sogenannten Arierparagraphen, der eine der Grundlagen des Jungdeutschen Ordens ist, als Antisemitismus. Der Jungdeutsche Orden läßt an dieser Grundlage seiner Mitgliedschaft nicht rütteln. Er erkennt im staatsbürgerlichen Leben, wie viele seiner Verlautbarungen seit Jahren beweisen, den jüdischen Staatsbürgern die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung zu. Wir geben daher keinem das Recht, in Wesen und Form unserer jungdeutschen Gemeinschaftsbildung hineinzureden. Wir erkennen genau so, wie wir für uns das Recht der Gemeinschaftsbildung nach unseren Gesetzen fordern, auch jedem anderen das gleiche Recht zu. Ebenso wie wir in der Bildung von jüdischen Vereinigungen hündischer, politischer oder kultureller Natur keinerlei Angriff auf uns sehen, so verlangen wir auch,, daß das Judentum in unseren völkischen Grundlagen keinen Angriff auf sich sieht. Unser Kampf gilt allen denen, die an den Grundlagen der christlichen und deutschen Kultur rütteln, einerlei ob sie Juden sind oder nicht. In unserem staatsbürgerlichen Dienst an Staat und Volk kennen wir nur eine einzige Gemeinschaft mit den deutschen Staatsbürgern, welche unseren Ideen vom sozialen und nationalen deutschen Volksstaat vorbehaltlos zustimmen. Die gegen mich gerichteten Angriffe begrüße ich, weil sich auf diese Weise die Gelegenheit ergibt, einmal in aller Öffentlichkeit die Frage zu klären, ob das deutsche Judentum ein Recht hat, deutsche Gemeinschaften, welche sich nach rassischen Vorbedingungen zusammengefunden haben und die über diese eigene Einstellung hinweg gemeinsam mit allen deutschen Staatsbürgern ohne jede rassische Vorbedingungen positiv in der Politik Zusammenarbeiten wollen, als antisemitisch zu bezeichnen. Unbeschadet unserer völkischen Gesinnung bekämpfen wir schon aus Gründen der nationalen Einheit und Befriedung des deutschen Volkes den demagogischen Antisemitismus unserer Zeit. Mussolini bezeichnete den Antisemitismus als eine Barbarei. Er nannte den Faschismus erhaben über den Antisemitismus, weil der Faschismus die höchste Stufe der Kultur sei. Unser Kampf für den deutschen Volksstaat erstrebt die Vollendung der deutschen Volkseinheit und die Bereinigung aller Gegensätzlichkeiten, welche das deutsche Volk mit Haß und Zwietracht erfüllen. In dem Antisemitismus, wie er sich heute in Deutschland darstellt, sehe ich ebenso ein Minderwertigketsgefühl. wie ich dasselbe in einem gewissen Antigermanismus gewisser jüdischer Kreise erblicke. Ich bin fest überzeugt, daß nur auf der Grundlage der Gleichberechtigung eine staatsbürgerliche Bereinigung erfolgen kann und bin der Ansicht, daß angesehene Juden zu dieser Auffassung Stellung nehmen müssen.“ So die Erklärung Mahrauns. Sie wird viele Juden nicht zufriedenstellen, die mit Recht fragen, ob eine so begründete, sehr limitierte Freundschaft überhaupt noch Freundschaft genannt werden kann und nicht schon eher als Neutralität bezeichnet werden muß, die gegebenenfalls sich auch in Feindschaft wandeln kann. Angesichts der Relativität unserer politischen Begriffe kann und muß wirklich die Versicherung Mahrauns, daß sein Kampf all denen gelten werde, die an den Grundlagen der christlichen und deutschen Kultur rütteln, einerlei ob sie Juden seien' oder nicht, mit einigem Mißtrauen erfüllen. Denn gerade über die