Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 26 (8.8.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-08-08
- Page
- Seite 52 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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52 Romanbeilage des „Jüdischen Echos** Nr. 26 „Ach, Panie, damals stellten wir uns dem Feinde, zogen mit Gesang in den Kampf, unsere Uniformen, unsere Pferde, alles blinkte! Jetzt schleichen wir über Felder und durch Wälder wie die Zigeuner, und fängt unsereiner einmal zu singen an, so zittert der Soldat vor Angst. Damals war es lustiger, Panowie...“ Seitlich im Walde sah man die Klosterkirche; dahinter zogen sich weißgetünchte Gebäude. Die Menge, die beim Eingang stand, machte den Reitern Platz. Wirzbicki übergab Stach die Pferde und verschwand mit Mordechai hinter dem mächtigen Eisentor des Klosters. In der düsteren Kirche herrschte ungewohnter Lärm. Junge Bauernburschen knieten bittend vor dien unnachgiebigen Priestern oder vor den Klosterbrüdern und küßten ihre langen Soutanen. Da das nicht half, versuchten es andere mit Drohungen; „Wir gehen nicht fort von hier!“ „Wir ziehen für Polen in den Kampf!“ „Für unsere Heimat!“ „Wir wollen beichten!“ „Hochwürdiger Herr, hab Erbarmen!“ „Ich hab Frau und Kinder daheim!“ „Man muß uns die Sünden vergeben!“ „Man muß es!“ Mordechai betrachtete die Mönche mit den frommen Mienen, die inmitten der Bauern standen, sie zurechtwiesen und aufforderten, auseinanderzugehen. Wirzbicki stürmte wie ein böser Dämon unter die Priester: „Was tut ihr, hochwürdige Herren? Das polnische Volk wird Euch das nie vergessen, nie! Das ist ein Verbrechen!“ „Du sollst nicht töten, ist eines der zehn Gebote“, erwiderte ein großer, hagerer Klosterbruder und bekreuzigte sich. Und die Klosterbrüder wiederholten: „Du sollst nicht töten! Du sollst nicht töten! Du sollst nicht töten!“ Die vier Worte, die aus den dunklen Winkeln tönten, schwangen wie eine schwere Glocke über allen Köpfen; unaufhörlich wiederholten sie die Klosterbrüder wie einen magischen Spruch, der vor Unheil schützen soll. Ein kleiner, dicker Klosterbruder mit einem glatten Milchgesicht nahm das Wort; er hielt die Daumen im Gürtel seiner Kutte, sein Blick glitt von einem Bruder zum anderen, und während er sprach, musterte er mit seinen kurzsichtigen Augen jede Falte der Gesichter, etwa wie ein Antiquitätenhändler ein altes Bild betrachtet; seine Worte fielen abgerundet mit gewichtiger Sicherheit von seinen Lippen: „Was haben wir Geistlichen mit dem Staate zu schaffen? Wenn es eine Möglichkeit für den Katholizismus gibt, Weltreligion und Weltmacht zu werden, so wird ein freies Polen diese Möglichkeit nur zerstören. Towianski hat recht, wenn er gegen die Hitzköpfe auftritt! Welchen Wert hat ein befreites Polen mitten unter den Wölfen Rußland, Preußen und Österreich? Ehe es noch auf eigenen Füßen steht, haben sie es wieder in Stücke gerissen! Ja, eine Erhebung im Namen des Katholizismus begreife ich! Auf daß die hundert Millionen Russen Katholiken werden. Doch wenn man ein freies Polen wünscht, so heißt das nichts anderes, als daß der Pöbel zur Herrschaft kommen soll... und dagegen müssen wir Geistlichen sein und werden es sein!“ Der Lärm nahm zu. „Aber wenn ein Pole“, schrie ihm Wirzbicki mit wut- und schmerzerfülltem Gesichtsausdruck entgegen, „in der russischen Armee dient und auf seine Brüder, die Polen, schießt, dann straft Ihr ihn nicht. Dann gebt Ihr ihm Absolution, was? Ihr wollt Polen, Ihr wollt Seelenhirten sein? Schämt Euch, hochwürdige Herren! Ihr habt Angst um Eure eigene Haut! Ihr wollt nicht begreifen, daß es ohne ein polnisches Volk auch keine polnischen Priester geben wird! Warum schweigt Ihr? Gebt den armen Bauern Absolution, lasset sie beichten!“ „Niemand kann uns voirschreiben, was wir zu tun haben!“ Ein barfüßiger Bruder erhob das Kreuz, welches an seiner Brust hing. „Niemand hat das Recht, sich in diese Dinge einzumengen!“ wagte sich ein anderer vor. „Bedenket, Ihr seid in einer Kirche!“ drohte ein dritter und schlug mit der Faust auf den Holzeinband eines Buches. Bei den letzten Worten sah man die hohe Gestalt Komarowskis, der soeben eingetroffen war, auftauchen. Sein schmales Gesicht war bleich, das wirre Haar klebte in Strähnen an der feuchten Stirn. Er streckte seine Arme gegen die Priester aus und schaute sie eine Weile an. Dann aber, ein zweiter Savonarola, goß er Pech und Schwefel über sie: „Im Feuer lasse ich das Kloster aufgehen, hört Ihr’s? Im Feuer! Dem Erdboden mache ich es gleich! Was schweigt Ihr? Ihr wollt Polen sein? Ihr seid Geistliche? Ich lasse Euch bei lebendigem Leibe verbrennen!“ Fortsetzung folgt.