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Das jüdische Echo · 1930-08-01 · 25 (1.8.1930) Der Aufstand · p. Seite 50

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
25 (1.8.1930) Der Aufstand
Date
1930-08-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 Romanbeilage des „Jüdischen Echos** Nr. 25 vor einer offenen Lade mit Kerzen zu schaffen. Eine Frau kam hastig herein, sie reckte die Arme empor, die Enden ihres bunten Tuches flogen; so schritt sie geradeswegs auf die geöffnete Thoralade zu. Die leere Synagoge mit den Spitzbogenfenstern wurde erfüllt vom Wehklagen. Eine Mutter flehte, Gott möge ihrem Kinde Genesung schenken. Der Schames hatte sich, einen Gänsekiel in der Hand, am Eingang postiert. Die Frau steckte ihm ein Geldstück zu, und er schrieb einen Wunschzettel für das Grab des Ramo. Gegenüber dem Bethause schimmerte weiß unter kahlen Bäumen ein kleiner Friedhof. In den Spalten des Steines auf dem Grabe Ramos steckten Wunschzettel. Mordechai erzählte seinem Kameraden davon, daß Menschen, deren Herz schwer ist, an das Grab des Ramo kommen, um sich dort den Kummer von der Seele zu sprechen. Wirzbicki betrachtete lange den alten Friedhof und die Gräberreihe der Familie des Ramo; dann sagte er mit einem Seufzer: „Legen wir einen Wunschzettel nieder!“ Mordechai reichte ihm sein Notizbuch. Wirzbicki zeichnete ein Magen David und schrieb darunter in polnischer Sprache: „Heiliger Rabbi! Ich, ein kranker Dichter, einem kranken arischen Volke entstammend, neige mich vor dir, neige mich vor der Sprache, in der du gelebt und gedacht, der Sprache, in der man ohne Dolmetsch zu Gott sprechen kann. Die Griechen und die Römer mußten Mittler haben. Hebräisch aber sprach Gott zu den Erzvätern, zu den Propheten. Lege Fürbitte für mich ein! Ich ziehe aus, meinen Brüdern zu helfen, daß sie das Joch der Diaspora abwerfen. Lege Fürbitte ein für einen armen Sänger, heiliger Rabbi!“ Wirzbicki kniete am Grabe nieder, steckte den Zettel in einen Spalt und verließ schweigend mit Mordechai den Friedhof. DER AUFSTAND GRAF KOMAROWSKI Am Nachmittag des L März passierte ein Bauernschlitten mit zwei Insassen bei Baden die Grenze. Die Pferde trotteten langsam durch Seitenpfade, schwenkten in einen Wald ab und machten gegen Abend halt. Im Umkreise einer vor Feuchtigkeit dunklen Waldhütte herrschte reges Leben. Gesattelte Pferde standen in unruhiger Reihe. Ordonnanzen sprengten hin und wieder und trachteten dabei möglichst wenig Geräusch zu machen. In der Hütte saß an einem Tisch vor einer Landkarte Graf Komarowski. Die Kälte ließ ihn nicht lange stillsitzen; von Zeit zu Zeit erhob er sich von seinem Platz und schritt hastig auf und ab. Drei Wochen saß Komarowski schon hier und nahm die Rekruten in Empfang, aus denen Langewitschs neue Armee gebildet wurde. Er war müde. Seit drei Wochen war er achtzehn bis zwanzig Stunden täglich auf, hatte für alles zu sorgen und war außer sich, daß gar nichts vorbereitet war; hätte er nicht fest daran geglaubt, daß ein Wunder geschehen müsse, und auch geschehen werde, so wäre er schon längst aus dem Walde auf und davongegangen. Der Soldat in Komarowski war sich über den Mißerfolg des 22. Januar klar und sah darin eine schlecht angelegte Demonstration. Hunderte von Orfen, welche die Polen angreifen sollten und angegriffen hatten, zogen in einem Augenblick an seinen Augen vorüber. Überall das gleiche; kein Schwung, kein wohl durchdachter Plan; jeder war Herr über seine Truppen. Nur Plozk — dort stand! Padlewski — schien etwas zu versprechen und mit der Verwirklichung der großen polnischen Idee ernst zu machen, dafür aber hatten andere wichtige Punkte vollständig versagt. Die erste Nacht des Aufstandes sah Komarowski in Gestalt eines riesigen Adlers, der sich in furchtbarer Anstrengung mit seinem mächtigen Leibe windet und wendet, während die gefesselten Schwingen und Füße sich kaum rühren können. Allmählich aber verstummte der Soldat in ihm, bis er ganz vergaß, daß er in der kleinen, engen Waldhütte steckte, diaß man schon den 1. März schrieb und daß er morgen oder übermorgen zu Langewitsch stoßen werde. Er spottete der Träumer nicht mehr, die damit gerechnet haben, die Nacht dies 22. Januar werde stockfinster sein, die russischen Offiziere, die mit Polen sympathisieren, würden an ihre Mannschaft blinde Patronen verteilen; er vergaß, daß die Masse des Volkes über Dörfer und Städte verstreut war und glaubte ebenso wie tausend andere, ein Pflock werde schießen, eine Sense stürmen und eine Heugabel Bomben werfen. Die schmerzgeborene Idee der Kraft eines Millionenvolkes schob alle Schwierigkeiten beiseite; sie nahm immer stärker von dem durch schlechtes Essen und mangelnden Schlaf zermürbten Komarowski Besitz und verjüngte ihn geradezu. Es klopfte. Fortsetzung folgt.

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