Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 24 (25.7.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-07-25
- Page
- Seite 48 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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48 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 24 Jude mit dichtem Haar und Bart saß auf einem Dreifuß und schlug Nägel in eine Stiefelsohle. Sein langer Bart geriet zwischen Hammer und Stiefel. „Und wohin gehe ich?“ fuhr es Mordechai durch den Sinn. „Was habe ich hier in Krakau zu suchen, wo meine Brüder, in schmale, enge Gäßchen gesperrt, ihres Lebens nicht sicher sind, wenn sie über die Gasse gehen?!“ ... UM DEN WAWELBERG HERUM Mordechais Sinne wurden überscharf; sie erfaßten selbst Dinge, denen keine Realität entsprach: Ist das der vielgerühmte praktische Sinn der Juden, daß sie überall, wohin sie kommen, und wäre es auch in einem Abgrund, Pfähle ins Wasser rammen und meinen, festen Boden unter den Füßen zu bekommen? Über dem Kazmierz erhob sich der Wawel mit seinen Türmen. Jahrhundertealte polnische Kultur in unmittelbarer Nachbarschaft des Ghetto; fremd wuchtet sie über den zusammengedrängten Häuschen und hält sie in Dunkel, in Angst. Polnische Kronen, von Juden geschmiedet,* Heiligenbilder, von italienischen Epigonen gemalt, polnische Könige — zusammen mit der ersten oder der zweiten Frau oder auch mit beiden Frauen und allen Kindern — ruhten in unterirdischen Gewölben wie in großen, königlichen Schlafgemächern. Nur eines fehlte — das lebendige Wort, das den verfallenden Talmudschulen diie Wage halten konnte; solange die flammenden Worte eines Mickiwiecz, eines Norwid nicht an Stelle des Schwertes treten, können die Juden weiter Pfähle ins Wasser rammen, und das Wunder wird sich immer wiederholen — daß das menschliche Wort immer dem Schwerte Widerstand leistet. Solche Pfähle halten fest, selbst wenn sie in einen Abgrund gerammt sind, und der riesige Wawel kann sich mit dem verfallenen Kazmierz nicht messen. Und kämen auch Barbaren aus allen vier Windrichtungen und vernichteten den Wawel durch Feuer — Wanda und Krakus schlafen weiter ihren ruhigen Schlaf unter dem Berg von Asche und harren jenes Norwid, den niemand Polen rauben kann, auf daß er sie zum Leben erwecke... Es war spät am Vormittag, als Mordechai dem Ausgang des Wawel zuschritt. Er machte sich Vorwürfe, daß er Wirzbicki auf dem Bahnhof alleingelassen hatte. Nur wenige Personen besichtigten die Schätze des Wawel; siie gingen andächtig durch die Säle und blieben bei jedem Bild, bei jeder Holzskulptur stehen. In den Ecken der Säle standen österreichische Beamte und musterten die Besucher. Vom Eingangstor schaute stolz der österreichische Adler nieder, der den Platz des polnischen eingenommen hatte: Der Feind ist in den Wawel eingedrungen und hat den weißen Adler durchbohrt; und Polens Söhne, Polens schöne Töchter sehen den Adler in seinem Blute vergehen. Der Feind hatte im Tempel zu Jerusalem den römischen Adler aufgestellt. Es war Erntezeit. Das Volk warf die Sicheln weg, ließ die Ernte auf den Feldern stehen, und Zehntausende von Männern, Frauen und Kindern wunderten nach Jerusalem, bestürmten den Prokurator mit Bitten, er möge ihr Heiligtum nicht entweihen. Tag und Nacht belagerte die Menge den Palast. Der Prokurator, der sich ihrer nicht erwehren konnte, ließ seine Truppen mit blanken Schwertern aufmärschieren und drohte, die Menge bis zum letzten Mann niederzumachen, wenn sie nicht wiche. Und mehr denn zwanzigtausend entblößte Hälse boten sich den blanken Schwertern: „Nimm den römischen Adler aus dem Heiligtum oder töte uns. Mit blutendem Herzen können wir nicht leben!“... Wirzbicki und ein langbärtiger Jüngling kamen Mordechai entgegen. — „Wo warst du, Joschko?“ „Auf dem Bahnhofe traf ich Baumfeld. Ihr kennt einander nicht? Das ist einer meiner Schulkollegen. Wie findest du den Wawel, Alter? Wer das sieht, kann nicht mehr sagen, Polen sei ein Findelkind unter den Völkern und habe keine Kultur.“1 „Richtig, Joschko, richtig!“ „Alle machen soviel Wesens vom Pariser Pantheon“, sagte Baumfeld. „Wie kann es sich mit dem Wawel vergleichen? Neben ihm ist es doch ein emporgekommener •Schlachtschitz neben einem Grafen von uraltem Adel.“ „Warst du auch in der ,Smocia Jama‘?“ fragte Wirzbicki. Ehe Mordechai noch antworten konnte, begann Baumfeld, die Augen geradeaus in die Ferne gerichtet, als hielte er eine Rede an eine Volksmenge: Sie ist etwas Einzigartiges, die „Smocia Jama“, sie bringt den Menschen der Urzeit nahe. Die rohen Steingewölbe benehmen den Atem; sie erinnern an das Chaos in seiner flüssigen Glut. Die dunkle Glut erstarrte durch Gottes Wort: es werde festes Land; und nun gähnt Abgrund über Abgrund, und aus der Tiefe steigen verzerrte Gesichter, starre Glieder empor, die das tausendköpfige Ungeheuer in die Höhle geschleppt hat.“ (Fortsetzung folgt.)