Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 24 (25.7.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-07-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER AUFSTAND VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 23. Fortsetzung „Ich meine... wenn Ihr einem Juden einen Gefallen tun wollt...“ „Wer, ich?“ „Ja, Panie. Ich muß schnell nach Hause... mein Kind ist krank... ich mußte eines Geschäftes halber wegfahren. Und nun will es nicht Tag werden, nichts zu machen?! Da möchte ich Euch sehr bitten, Panie... tut mir einen Gefallen... Ihr seid wie ein Goj gekleidet, habet keinen Bart... ich meine .. „Was kann ich für Euch tun?“ „Wenn Ihr mich nach Hause begleiten wolltet... es ist nicht weit.. Mordechai begriff nicht, was der Fremde wollte; vermutete, der Jude halte ihn für einen Arzt und erwiderte: „Wozu braucht Ihr mich?“ „Wisset Ihr denn nicht, daß ein Jude bei Nacht sich in Krakau nicht aufhalten darf, außer auf dem Kazmierz? Stellt Euch vor, wie gescheit die Gojim sind — ich darf bei Nacht mit der Bahn ankommen, nach Hause gehen darf ich auch, nun aber? Die Straßen, welche vom Bahnhof zum Kazmierz führen, darf ich nicht betreten. Wegzaubern kann ich sie nicht, und das Leben aufs Spiel setzen will ich nicht — man riskiert wahrhaftig, erschlagen zu werden ... Da ist mir eingefallen ... wenn Ihr so gut wäret, mich nach Hause zu bringen... es ist nicht weit... Ihr würdet mir damit eine Wohltat tun... Durch Euch wäre ich geschützt... Wenn man mit einem Polen geht, wird man nicht belästigt...“ „Wie, Juden dürfen wirklich nicht in der Stadt wohnen?“ „Das wisset Ihr nicht?“ „Wenn Ihr meint, daß ich Euch nützlich sein kann, so gehen wir!“ Sie verließen den Bahnhof. Es war noch dunkel. Aus einem Tor tauchte ein Nachtwächter auf, klopfte, um sich Mut zu machen, mit seinem Stock auf den Boden, und sah den Passanten neugierig nach, Mordechai hatte vergessen, wo er war und was er wollte. Er sah sich als Ghettojuden hastig in der Dunkelheit durch leere Gassen schleichen, um ein gottgefälliges Werk zu erfüllen; so hatte mehr als ein Jude sein Leben eingesetzt, um in Zeiten der Not seine Brüder zu retten. „In Krakau wohnt wirklich kein einziger Jude?“ „In der Stadt?“ „Ja.“ „Kein einziger; das heißt, einige Reiche wohl, die wissen sich zu helfen, sie schmieren4. Wie wäre es auch anders möglich? Andererseits aber: was ist das schon für ein Jude, der unter Gojim wohnen will, wenn ^r auf dem Kazmierz unter Juden wohnen kann?4“ Die Häuser standen nicht mehr so dicht beieinander. „Gott sei Dank, wir sind gut durchgekommen!“ Aufatmend deutete der Jude auf einen kleinen Steg. „Auch jetzt noch kann man was abkriegen, doch dort ist man immerhin sicherer, schließlich ist man ja doch daheim... Ihr habet sicher noch nicht gebetet, kommt mit mir, wir wollen zusammen frühstücken ..“ Eine kleine Holzbrücke schied Krakau vom Kazmierz. Mordechai hörte nicht den Dank des Juden; er blickte auf die vereiste Weichsel, die im roten Morgen blinkte; er betrachtete die Holzbrücke, die unter den Tritten des gebückten Juden schwankte. Über den geflickten Dächern starrten die Kreuze einer gelbgetünchten Kirche in die Luft. Mordechai fühlte sich schuldbewußt, weil er sich von der Gemeinschaft entfernt hatte. Er schritt über die Brücke. Wie schmal die Häuser, wie eng die Gäßchen! Da und dort eilte ein Jude vorüber, den Tallisbeutel unterm Arm. Lebensmittelhandlungen wurden gerade aufgemacht. An einem Fensterladen hing ein Blechschild, darauf war ein Stiefel gemalt und darunter stand in großen Lettern — Me'ir Abarbanel. Der Name zündete: er ließ den alten Abarbanel erstehen, der nicht am königlichen Hofe bleiben wollte, sondern mit den Exulanten aus Spanien gegangen war; und dieser Name hatte sich bis auf den Kazmierz verirrt. Mordechai. sah durch das Fenster in die Wohnung des Schusters. Ein schwerfälliger