Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 23 (18.7.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-07-18
- Page
- Seite 46 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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46 Romanbeilage des „Jüdischen Echos" Nr. 23 druck und erinnerte an die alten Essäer, die das messianische Reich herbeiführen wollten. Bliasch hatte das Milieu, dem er entstammte, weit hinter sich gelassen und stand auch turmhoch über den Gutsbesitzern der Umgebung. Jahrhundertelang hatten hier die Markgrafen geherrscht, von dem Gedanken durchdrungen, die Menge sei nur dazu da, damit sie, die Markgrafen, ein bequemes Leben führen könnten. Sie sahen darin den Sinn der Gattung Mensch. Sie bedrückten das Volk, brachen seine Bräuche und Gesetze. Die Herrschaft der Markgrafen nahm ein Ende, und es kam der Jude, der aus tiefster Überzeugung daran glaubte, er werde nur durch das Volk in Wahrheit sein, ein reinerer, höherer Mensch werden; und darum sei alles Gesetz, was dem Volke frommt und sein Leben erleichtert... Als es dunkel wurde, fuhr vor dem Gehöft ein Schlitten vor. „Wir wollen bald aufbrechen!“ sagte Bliasch. Auf der Veranda wartete der Kutscher mit zwei Schafpelzen. „Die sind für euch bestimmt!“ sagte Bliasch. „Darin werdet ihr nicht auffallen!“ Sie hüllten sich ein und nahmen im Schlitten Platz. Bliasch nahm dem Kutscher die Zügel ab: „Du bleibst hier, ich fahre sie.“ Er trieb die Pferde an. Der Schlitten bog in einen schmalen verschneiten Pfad ein, der das Gehöft bald den Blicken entschwinden ließ... Man hatte den Wald passiert. Auf einer Anhöhe zeichneten sich im Schnee die schwarzen Striche des Schrankens ab: „Dort ist die Grenze!“ flüsterte Bliasch. Und im scharfen Galopp ging es vorwärts. Noch ehe die beiden recht wußten, was vorging, hielt Bliasch die Pferde mit einem jähen Ruck. Vor ihnen stand eine Schenke. „Wir sind in Österreich! In der Schenke hier werdet ihr übernachten und am Morgen fahret ihr mit der Bahn von G^lumin nach Krakau. Nun denn, lebt wohl und kehret heil zurück!“ IN KRAKAU Es war noch dunkel, als sie nach Krakau kamen. Daher entschlossen sie sich, bis Tagesanbruch auf dem Bahnhof zu bleiben und erst dann in die Jagiellonskagasse zu gehen, wo sie sich zu melden hatten. Sie frühstückten. Wirzbicki setzte sich bequem in einen tiefen gepolsterten Sessel des Wartesaales und war sofort eingeschlummert. Mordechai ging in den Wartesaal der dritten Klasse. Leute aus der Stadt standen beim Schanktisch vor einem Glas Bier oder Schnaps und plauderten harmlos. Mitten im Saale saßen Bauern auf ihrem Gepäck. Einige saßen auf offenen Säcken, andere schliefen. In einer Ecke saßen mehrere Juden in dicken Kaftanen oder in langen Pelzen, deren Kragen schon kahle Stellen aufwiesen, wagten kaum aufzublicken und unterhielten sich nur ganz leise... Ein Zug fuhr ein. Beim Ausgang wuchs ein Mann in Uniform empor, der so hoch und breit war, daß er fast die Tür verstellte. Die Messingknöpfe auf seinem blauen Rock blitzten, der mächtige, hochgedrehte Schnurrbart, der zwei umgelegte Fragezeichen bildete, verlieh dem Gesicht einen verbrecherischen Zug. Mit geschlossenen Augen, gleichgültig, als wäre er allein im Saal, rief er mit tiefer Stimme alle Stationen aus, wo der Zug halten sollte. Es entstand ein Rennen und Laufen. Noch lange hallte der Saal vom Lärm wider. Ein Jude, der einen Sack auf den Schultern trug, trat ein. Ängstlich irrten seine Augen wie die eines Hasen hin und her und suchten einen Platz. Ein Bursche ging vorüber und stieß mit dem Ellenbogen den Sack so kräftig zur Seite, daß der Jude beinahe umgefallen wäre. Der Jude lächelte gezwungen, als ob er es für einen Scherz hielte. Vor lauter Angst sah er die Gruppe von Juden in der Ecke nicht. Der Bursche traf Anstalten, den Scherz noch kräftiger zu wiederholen. Doch Mordechai vertrat ihm den Weg und fragte den Juden: „Suchet Ihr jemanden?“ Als der Fremde merkte, daß er einen Juden vor sich hatte, wurden seine Blicke ruhiger. Mit schmerzverzogenem Lächeln antwortete er: „Ob ich jemanden suche? Nein. Wen soll ich suchen? Doch wenn man mitten unter Gojim warten muß, bekommt man Sehnsucht nach einem Juden. Man fühlt sich sicherer unter seinen Leuten ... Ihr habt doch gesehen,, wie der Esau auf mich losgegangen ist. Wie ich sehe, Panie, seid Ihr nicht von hier!?“ „Nein, ich bin nicht von hier.“ „Ihr seid . wahrscheinlich in Geschäften hier?“ >>Jä. i Fortsetzung folgt.