Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 23 (18.7.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-07-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER AUFSTAND VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 22. Fortsetzung In seiner freien Zeit beschäftigte er sich mit Philosophie und hatte unter seinen Siedlern eine Gesellschaft „Führer der Irrenden“ begründet. Dreimal wöchentlich las er dort mit den Mitgliedern den Maimonides und konnte sich auf keine Weise mit der Ansicht des Meisters befreunden, daß die Menschen, welche dem „Königspalast“ den Rücken kehren und sich von ihm entfernen, mit der Wurzel ausgerottet werden müßten. Als Mordechai und Wirzbicki ins Speisezimmer traten, fanden sie die beiden Damen, denen sie auf dem Wege ins Schloß begegnet waren. Bliasch stellte die beiden vor. Nachdem ihnen die Hausfrau gnädig ihre kleine, dürre Hand hingestreckt hatte, blieben ihre Augen auf dem matten Antlitz der Tochter haften, deren Blick kokett und keusch zugleich war. „Nehmen Sie Platz! Wenn ich nicht irre, Panowie, haben wir Sie auf der Straße getroffen?“ sagte die Hausfrau. „Ja, Madame.“ Wirzbicki wurde gesprächig. „Sie fuhren mit Ihrer Tochter.“ „Wir machen jeden Tag vor dem Mittagessen eine kleine Spazierfahrt“, mischte sich diese ein. „Es mag noch so kalt sein.“ Die Speisen wurde aufgetragen. Mordechai und, Wirzbicki kauten mit vollen Backen. Als der erste Hunger gestillt war, begann die Unterhaltung von neuem; die Tochter plauderte mit Wirzbicki, Mordechai mit Bliasch. Die Hausfrau hörte beiden Gesprächen zu: da warf sie einen Witz, dort einen Scherz ein, die nicht immer zur Sache gehörten, und gar oft gedachte sie seufzepd ihres Sohnes, der bei den Kämpfen war. Der alte Bliasch benützte seine Hand mit den ausgestreckten Fingern als Landkarte. Mit den Fingern der anderen Hand bezeichnete er Dörfer, Bäche, Wälder, die Standorte polnischer Truppen, kurz er hatte hatte den ganzen Aufstand sozusagen auf der Handfläche. „Modlin hätte schon längst erobert sein müssen,“ rief er ärgerlich aus, „der Russe darf keine Gelegenheit bekommen, sich dort zu verschanzen! Wenn wir gleich im Anfang Modlin überfallen und uns der siebzigtausend Gewehre bemächtigen, die dort lagerten, der Aufstand wäre siegreich! Auch jetzt ist es noch Zeit, einen Streich gegen Modlin zu führen! Doch das ist nicht nur das einzige Versäumnis! Daß das polnische Volk kein Geld für den Aufstand hergibt, davon rede ich nicht erst; aber die Führer hätten Geld aufbringen müssen, das wäre doch so leicht gewesen! Von Petersburg nach Warschau und zurück gingen zwei- bis dreimal im Jahre Millionen von Rubeln unter der Bedeckung von zwei oder drei Gendarmen mit einem Offizier; wäre es nicht ein leichtes gewesen, einen solchen Transport zu überfallen? Aber das bißchen Energie haben die ,Weißen4 dazu benützt, um gegen die ,Roten4 zu wühlen, und die ,Roten4 gegen die ,Weißen4. Jetzt, sehen Sie, gibt es nur ein Mittel: die Polen, die im Inneren Rußlands wohnen, müssen Bauernunruhen anstiften; wenn die Polen diese Propaganda richtig betreiben, so brechen in Rußland bestimmt Unruhen aus, und die russische Regierung ist gehindert, neue Truppen nach Polen zu entsenden... Das kann noch jetzt getan werden, und es muß getan werden!“ Diese Reden sagten Mordechai nichts Neues, er hatte sie mehr als einmal in Paris gehört. Ähnliche Pläne hatte ein junger Pole, Dombrowski mit Namen, in Warschau propagiert, ohne Gehör zu finden. Doch die Sicherheit, mit der Bliasch sprach, und die Art, wie er seine Meinung unterstrich, das alles imponierte Mordechai, und er hätte den ganzem Tag stillsitzen und Bliasch zuhören können. Mordechai betrachtete Bliaschs kluges Gesicht und die zerfurchte Stirn, betrachtete den „praktischen Salman“, der glaubte, eine Mauer nach der anderen umzulegen, und! nicht merkte, daß er immer noch die erste berannte, die nur elastisch vor ihm zurückwich. Die Judendörfer, deren Bewohner ein ruhiges Dasein lebten, vom Handel nichts wußten und nur selten in die Stadt kommen brauchten, all dies machte einen fremdartigen Ein-