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Das jüdische Echo · 1930-07-11 · 22 (11.7.1930) Der Aufstand · p. Seite 44

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
22 (11.7.1930) Der Aufstand
Date
1930-07-11
Page
Seite 44 (sequence 2)
Language
German
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44 RomanbeHaKe des „Jüdischen Echos' Nr .22 Ahnen, beginnend von jenem Vincenty, der mit seinen vielen tausend Söldnern unter Sobieski gekämpft hatte. So saßen sie bis spät in die Nacht und überlieferten dem Knaben den Ruhm jedes seiner Vorfahren; es war eine lange Legende des Hasses, eine Seidenschnur, durchzogen vom Blute Tausender und Abertausender. Der alte Olschinski nahm niemand gastlich bei sich auf. Er merkte, wie das polnische Rittertum unterging; der Pöbel der Stadt war zur Macht gekommen und hatte die echten Schlachtschitzen beiseite geschoben. Und als Chlopicki mit einer Deputation zu dem alten Olschinski kam, um ihn zum Anschluß an den Aufstand des Jahres 1831 zu bewegen, da ließ ihm der Alte sagen; Das Wort der Olschinski ist keine Wäsche, die man täglich wechselt. Ich habe dem Zaren Nikolaus I. den Treueid geleistet und werde ihn halten, und wenn die Welt darüber untergeht. Ich werde mich nicht vom Pöbel kommandieren lassen, mich nicht mit ihm verbinden und mir nicht vorschreiben lassen, daß ich mich für den Mob opfern muß ... Ich bin noch immer der Markgraf Olschinski, und das Wort eines Olschinski ist — Gesetz! Die Veteranen und Invaliden, die jahrelang Golumin bewirtschaftet und von den alten Zeiten geträumt hatten, warfen beim ersten Ruf des Aufstandes das Joch ab und gingen in die Wälder. Dem Markgrafen ließen sie sagen, ihre Soldatenehre verbiete ihnen, die Hände in den Schoß zu legen, wenn Polen in Gefahr sei. Wenige Tage später zog der Markgraf seine polnische Generalsuniform an und reiste mit seinem Enkel nach Petersburg. Am Zarenhofe wurde er gnädig empfangen. Als der Aufstand unterdrückt war und der alte Olschinski eben zur Heimreise rüstete, erlag er jäh einem Herzschlag. Der Enkel blieb am kaiserlichen Hof. Entfernte Verwandte übernahmen die Goluminer Güter, gerieten jedoch immer mehr in Schulden und verkauften den Besitz an Bliasch. Die Warschauer Zeitungen stimmten pathetische Klage an: nie mehr würden polnische Ritter unter den uralten Eichen lustwandeln, nie mehr die Vögel im Geäst das Lachen polnischer Mädchen hören; die Eichen, denen ihre Ahnen zugeraunt, daß dort Sobieski Europas Sieg über die Türken gefeiert hatte, diese uralten polnischen Denkmäler werden von Fremden gefällt werden; der Vögel Gesang wird verstummen; fremdartige Kehllaute werden mißtönig erklingen und der häßliche Geruch der Schnapsbrennereien wird die heilige Erde Polens durchziehen. Mit fünfundzwanzig Jahren wurde Bliasch selbständig. Sein Vater Reb Isser hatte ihm ein Riesenvermögen hinterlassen. Die Verwandten nahm es nicht weiter wunder, daß der immer traumselige Salman plötzlich aufhörte, sich um das Geschäft zu kümmern, und nach Berlin zog. In Berlin erkannte Bliasch den Kontrast zwischen „Mensch“ und „Jude“. Der „Mensch“ durchläuft frei eine Entwicklungsbahn und genießt sein Leben bis zur Neige, während der „Jude“, gewissermaßen von den Gebetriemen in Fesseln geschlagen, hinter siebenfach geschlossenen Türen gefangensitzt. Die Kluft zwischen beiden wird von Tag zu Tag breiter, und bald wird es nicht mehr möglich sein, sie zu überbrücken. Auf endlosen Wanderungen durch die Berliner Straßen grübelte Bliasch über einen Ausweg aus dem Wirrsal; und mit einem Male kam es ihm zum Bewußtsein: wirklich seßhaft ist nur der zu nennen, welcher das Stück Land, darauf er siedelt, besitzt und bebaut. Als dieser Gedanke in ihm ausgereift war, verließ er sofort Berlin, kaufte die Goluminer Güter und gab durch Aufrufe bekannt, daß er bereit sei, Juden, welche Landarbeiter werden wollen, Grundstücke und Inventar zu geben. Aus der ganzen Umgebung meldeten sich „Aufgeklärte“ aus den Kreisen der nichtchassidischen Judenheit. Zwei Dörfer jüdischer Bauern wurden angesiedelt. Bei der Zuteilung von Boden wurde zur Bedingung gestellt, daß kein Siedler zu einem Wunderrabbi pilgern, ein Streimel oder einen Atlaskaftan tragen dürfe. Den Frauen war es verboten, Schmuck und Seidenkleider zu tragen. Konnte jedoch eine der Siedlerinnen der Versuchung nicht widerstehen und kaufte etwa eine goldene Kette, so wurde sie von der Herrschaft gezwungen, das Schmuckstück wieder zu verkaufen und aus dem Erlös eine Kuh oder ein Pferd anzuschaffen. Später errichtete Bliasch auch die Tuchfabrik. Die meisten, vornehmlich die reichen Juden, hielten Bliasch für einen ausgemachten Narren, und er bekam den Spitznamen „der praktische Salman“. Die wenigen wieder, welche zu ihm hielten, sahen ihn für ein so unerreichbar hochstehendes Vorbild an, daß sie sich für zu schwach hielten, um ihm nachzukommen. So saß er vereinsamt mit seiner Familie in Golumin wie in einem kleinen Königreich; mit den Gutsbesitzern in der Umgebung hatte er wenig Verkehr, den reichen Juden wich er aus* (Fortsetzung folgt.)

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