Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 21 (4.7.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-07-04
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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42 Romanbeilage des „Jüdischen Echos** Nr. 21 „Gelobt sei Jesus Christus!“ „In Ewigkeit, Amen, Großmütterchen!“ „Die Alte krächzte wie ein Rabe“, sagte Wirzbicki, als sie vorüber war. „Was liegt da?an?“ „Ein schlechtes Vorzeichen!“ „Unsinn, Joschko! Schließ’ lieber den Mantel, der Frost beißt tüchtig!“ „In so einer Nacht im Felde liegen und auf den Feind warten...“ Wirzbicki beendete den Satz mit einem Pfeifen. „Es wird mehr als eine solche Nacht sein...“ „Ich wollte, wir wären schon so weit!“ „Geduld, du wirst bald so weit sein!“ „Hör’, Alter!“ Wirzbicki faßte Mordechai beim Arm. „Offen und ehrlich, du weißt, daß ich jederzeit bereit bin, mein Leben für Polen zu lassen, was sagst du, gibt es wenigstens eine Hoffnung, daß wir siegen?“ „Alles ist möglich, Joschko. Und wärest du sicher, daß die Sache hoffnungslos ist, ein frevelhaftes Spiel, wie es der Kommissär nannte, würdest du dann nicht mitgehen?“ „Ich würde gehen...“ Auf einer Anhöhe erhob sich ein mächtiges Gebäude mit langen Seitenflügeln. Es stand am Ende eines alten Parkes; die kahlen Äste der Bäume ließen ihn schütterer aussehen, als er in Wirklichkeit war. Von dem Gebäude her kam ein mit Schnitzwerk verzierter, mit zwei glänzenden Pferden bespannter Schlitten gefahren; die Tiere warfen wiehernd die Köpfe empor, als ob sie sich von den schmalen Zäunen losreißen wollten, und von ihren Hufen stob der Schnee nach allen Richtungen. Im Schlitten saßen zwei Damen, offenbar Mutter und Tochter. Die jüngere musterte mit großen, schwarzen Augen die beiden Fremden. Sie schauten einander an und betraten den Gutshof. Ein älterer Jude in kurzer Pelzjacke und gerippter Samthose ritt ihnen entgegen: „Wen suchen Sie, Panowie?“ „Den Besitzer.“ „Den alten Pan Bliasch?“ „Ja, Panie!‘ „Darf ich wissen, was Sie von ihm wünschen?44 „Es tut uns sehr leid, Panie... es handelt sich um eine ganz private Sache ...“ Wirzbicki zog seine Visitenkarte hervor und reichte sie dem Reiter. „ Bitte!“ Er deutete auf Mordechai. „Das hier ist mein Kamerad, Herr Alter... Haben Sie die Güte, uns dem Herrn Bliasch zu melden...“ Als der Reiter den Namen „Alter“ hörte, betrachtete er Mordechai, als wäre ihm dessen Name bekannt; dann deutete er mit der Hand auf seine Brust: „Was kann Bliasch für Sie tun?“ „Wir sind zu Ihnen gekommen, Herr Bliasch j..tM Mordechai machte eine Verbeugung. „Wir haben gehört, daß ... Sie Pole sind... so sind wir gekommen... wir kommen um Rat und Hilfe... Ich will ganz offen sein ... wir wollen uns dem Aufstand anschließen. An der Grenze hat uns der Kommissär, der selbst Pole ist, zurückgeschickt. Er hatte Mitleid mit uns und wollte nicht, daß wir nutzlos unser Blut vergießen. Um die ganze Wahrheit zu sagen,“ Mordechai lächelte, „mir, dem Juden, hat er gestattet, die Grenze zu überschreiten, und hat nur meinen Kollegen, der Katholik ist, zurückgeschickt. Wenn wir auch zurückfahren wollten, hätten wir kein Geld zur Reise ... So sind wir gekommen.. „Sie sind gewiß müde, meine Herren.“ Bliasch saß ab und übergab sein Pferd einem Knecht. „Treten Sie ein, zunächst werden Sie sich waschen und mit uns speisen, alles übrige werde ich schon besorgen.“ Mordechai bemerkte, daß auf Bliaschs Samthose die Schaufäden eines Tallis-Koton baumelten. „Magda!“ rief Bliasch. Ein Mädchen kam aus der Küche und verneigte sich: „Was befiehlt der Herr?“ „Führe die Herren in den linken Flügel!“ Und zu den beiden Fremden gewandt: „In einer halben Stunde wird gegessen... Bitte keine Widerrede! Auf Wiedersehen!“ Der „praktische Salman“ Mordechai und Wirzbicki kamen sofort in bessere Stimmung, als sie sich gewaschen und die Kleider abgebürstet hatten. Jetzt warteten sie nahezu ungeduldig darauf, zum Essen gerufen zu werden; nach den langen Reisetagen und dem Empfang an der Grenze tat ihnen Bliaschs menschenfreundliche Art wohl; sie vergaßen, was vorher gewesen. Wirzbicki pfiff vor sich hin, und Mordechai schaute durch den offenen Fensterladen zu den alten, kahlen Eichen hinüber, die die Aussicht auf die Kuh- und Pferdeställe verdeckten. Die mächtigen Äste lehnten sich an die Mauern der Steinflügel und blickten auf die zwei runden, festungsähnlichen Türme nieder. Fortsetzung folgt.