Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 19 (20.6.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-06-20
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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38 RomanbeitaKe des „Jüdischen Echos'' Nr. 19 ihr Gepäck, durchwühlten die Taschen nach den Pässen und Grenzpassierscheinen und drängten sich zur Tür. „Joschko, steh auf!“ Mordechai rüttelte seinen Reisegefährten, der noch immer schlief. Josef Wirzbicki fuhr empor und öffnete seine blauen Augen weit; dann richtete er sich in seiner ganzen Größe auf, und seine hohe, breite Gestalt versperrte wie ein Schranken den hastenden Juden den Weg. „Was steht der Goj da wie rin Klotz?“ „Platz machen!“ Wirzbicki stammelte etwas, was wie eine Entschuldigung klang; dann flüsterte er Mordechai zu: „Alter, vergiß nicht, daß wir einen Wald bei Krakau besehen fahren! ,Jch bin der Käufer.“ Mordechai lächelte. „Und du?“ „Ich? Ich fahre als Fachmann mit.“ „Gut.“ Ein Beamter trat ein; als er die ausländischen Pässe in den Händen der beiden Reisenden erblickte, musterte er die Fremden mit einem Blick von Kopf bis zu den Füßen und nahm höflich die Pässe zur Kontrolle an sich. Mordechai und Wirzbicki werfen einander einen zufriedenen Blick zu: alles ging glatt. Während sie, die Reisetaschen in den Händen, auf ihre Pässe warteten, kam ein Schaffner vorüber; sie hielten ihn an: „Wann geht der nächste Zug nach Krakau?“ „Fünf Minuten vor Acht geht ein Bummelzug.“ ' „Also noch eine volle Stunde Aufenthalt“, sagte Wirzbicki mit einer Miene, als versäumte er etwas. „Keine Sorge, Joschko!“ Mordechai faßte ihn bei der Hand. „Wir werden noch heute in Krakau sein!“ Der Beamte, der die Pässe mitgenommen hatte, kehrte zurück; er winkte den beiden Reisenden, ihm zu folgen. Sie verständigten einander durch Zeichen, Mordechai möge für Wirzbicki das Wort führen, der nicht Deutsch konnte. Der Beamte öffnete die Waggontür: „Bitte!“ Frische, trockene Kälte schlug den Aussteigenden entgegen. Bei den Lastwaggons standen mächtige Leiterwagen, auf welche Träger Petroleum, Salz und Mehl aufluden. Händler signierten die Säcke und Fässer und schlugen dabei fröstelnd die Füße aneinander. Die Luft hatte den Geruch eines Wintermarkttages. Der Grenzkommissär, ein vertrocknetes, sauberes Männchen mit einer langen, dünnen Nase, nach er sich ohne Unterlaß griff, saß an einem mit Papieren bedeckten Tisch und strich seinen langen, blonden Schnurbart. Als Mordechai und Wirzbicki eintraten, ersuchte er sie, Platz zu nehmen, und indem seine wäßrigen Augen von einem zum anderen glitten, begann er: „Darf man fragen, wohin die Herren fahren?“ „Nach Krakau.“ „Sie beide?“ „Ja.“ „Zu welchem Zweck, meine Herren? Darf man das wissen?“ „Ich bin ein Holzgroßhändler, Herr Kommissär. Ich will einen Wald in der Nähe von Krakau kaufen“, stotterte Mordechai. „Und Sie?“ Der Kommissär wandte sich an Wirzbicki. „Das ist einer meiner Angestellten,“ gab Mordechai rasch zur Antwort, „er spricht nicht Deutsch.“ „Ich hätte Sie für Studenten gehalten, meine Herren“, warf der Kommissär ein und fuhr, sich wieder an Wirzbicki wendend, polnisch fort:„ Wo liegt der Wald, Panie, den der Herr kaufen will?“ „Der Wald liegt hinter Krakaü“, antwortete Mordechai statt seiner. „Und wer ist der Verkäufer?“, fragte der Kommissär weiter. „Ein Graf Komarowski“, antwortete Mordechai ohne Zögern und erötete. Der Kommissär lächelte unentwegt, griff sich an die dünne Nase, strich seinen Schnurrbart und begann gelassen: „Hm, hm ... die ganze polnische Jugend, die sich im Auslande befindet, reist plötzlich nach Krakau, will iWre Onkel und Tanten besuchen ... Studenten sind über Nacht Kaufleute geworden, wollen den ,Deutschen* an der Grenze hinters Licht führen. Unsinn, Panowie! Dieser ,Deutsche“* — er deutete mit dem Zeigefinger auf sich — „ist ein ebenso guter Pole wie Sie! Er liebt Polen, alle polnischen Klassiker stehen in seinem Bücherschrank! Doch er ist nicht wahnsinnig! Er weiß, wohin Sie beide fahren; Es ist Wahnsinn, sage ich euch! Es ist Wahnsinn, seinen gesunden, jungen Kopf dem Wolf in den Rachen zu stecken! Hier, hören Sie!“ er griff nach dem ,Dziennik Poznanski*, der auf dem Tisch lag, und begann näselnd zu lesen: ,Die von Kurowski kommandierte Abteilung, der die Blüte von Krakau angehörte, ist bei der Attacke auf Miechow aufgerieben worden. Von der Kavallerie und Infanterie sind nur ein paar Mann zurückgekehrt.. .“* Fortsetzung folgt.