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Das jüdische Echo · 1930-06-20 · 19 (20.6.1930) Der Aufstand · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
19 (20.6.1930) Der Aufstand
Date
1930-06-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-B EILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER AUFSTAND VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 18. Fortsetzung Und so lange man lebt, muß man essen!... He, Kasriel!“ rief Reb Mojsche dem „Peitscher“ zu, der geschäftig vorbeieilte. Kasriel lief herbei, so daß die Schöße seines Kaftans flogen. „Nun, Reb Mojsche, Ihr nehmet die Uhren?“ „Ich nehme sie, ich nehme sie!“ murrte Reb Mojsche ärgerlich herablassend, wie ein vornehmer Herr. „Gib die Uhren her!“ „So ist’s recht!“ Überglücklich überreichte ihm Kasriel die Uhren. „Die Taler sind für Euch gefundenes Geld!“ Nach und nach wurde es in dem halbdunklen Waggon immer stiller. Die Frauen und Kinder streckten sich auf den Bänken aus und schliefen bald, Es wurde noch dunkler, eine Lampe war erlöschen. Reb Mojsche räkelte sich einige Male auf seiner Bank, dann streckte er sich hin, und ehe Mordechai sich’s recht versah, schnarchte sein Gegenüber schon. Er selbst hatte kein Verlangen nach Schlaf, und sah durch das Fenster auf die schneebedeckten Felder. Dann beobachtete er, wie der Schaffner eintrat, jemand, der auf einer Bank lag, ein Zeichen gab und wieder verschwand. Kurz darauf erhob sich das stark gepuderte Mädchen, horchte, ob die Mutter schlief, und schlich wie ein Schatten hinaus. Der Feuerschein des rotglühenden Eisenofens ergoß sich auf den Boden und überzog eine Gruppe der Schmuggler wie mit Kupfer. Die Schmuggler saßen mit Kasriel zusammen auf der Kohlenkiste, legten von Zeit zu Zeit Kohle auf- und wärmten sich behaglich. Kasriel erzählte ihnen seinen Disput mit Mojsche, der sich geweigert hatte, das Geld anzunehmen. Ein älterer Schmuggler, ein Chassid, bemerkte dazu: „Eines Juden Sinn läßt sich nicht ergründen!“ „Was glaubt Ihr denn?“ fiel ein anderer ein, „Mojsche ist ein belesener Mann; sein Vater, Reb Schlojme, seligen Andenkens, war ein glühender Chassid, einer von den alten Kozker Chassidim; er selber ist freilich nicht allzu fromm, doch für einen Juden geht er durchs Feuer!1 Als Mordechai das Wort „Kozk“ hörte, horchte er interessiert auf. „Feine Juden, die alten Kozker,“ erhob sich eine Stimme hinter dem Ofen, „Menschen, die Grütze im Kopf haben; es werden ihrer immer weniger!“ „Und Rabbi Mendcle selber, so heißt es,“ sagte ein älterer Chassid und kam näher heran, „ging Schabbesausgang rastlos auf und ab, klein, grau, mit langen, dichten Brauen über den Augen, die Daumen im Gürtel, und dabei erhob er solches Geschrei, daß allen Chassidim angst und bange wurde. Und was, meint ihr, hat er geschrien? ,Ich habe immer gehofft, ich würde ein Minjan junger Leute um mich haben und mit ihnen in die Wälder gehen, in die Wälder, in die Wälder! Und jetzt habe ich nur Ochsen. Ich habe gehofft, ich würde ein Menschenarzt werden, doch ihr Ochsen habt mich zu einem Quacksalber gemacht!“4 Mordechai saß starr und sog mit allen Fasern seines Wesens jedes Wort ein; er sah, wie das Alltägliche von diesen Schmugglern abfiel, deren Gesichter aufleuchteten. Es schien ihm unglaublich, daß das dieselben Juden waren; die noch vor wenigen Minuten bereit gewesen, für ein paar Groschen einander an die Gurgel zu fahren. Er gewann sie lieb. Norwids Wort von der Legende, die wieder aufersteht, kam ihm in den Sinn; in ihm leuchtete die Legende von Kozk auf. Das Schneckentempo des Bummelzuges wirkte einschläfernd. Die Chassidim rückten immer näher zum Ofen und schmiegten sich in die träge Dunkelheit. Langbärtige Gesichter starrten, erfüllt von ihrem Stummsein, als Schatten von den Wänden in den Feuerschein, der aus dem Ofen sprühte. Das gepuderte Mädchen huschte stumm hinein, ging vorsichtig am Ofen vorüber und streckte sich mit einem Seufzer auf eine Bank hin. Von draußen tönte es dumpf: „Oderberg!“ Die Grenze Der eben noch stille Waggon geriet in lärmende Bewegung; im Halbschlaf erhoben sich die Passagiere von den Bänken, suchten

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