Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 25 (20.6.1930)
- Date
- 1930-06-20
- Page
- Seite 347 (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 25 20. Juni 17. Jahrgang Der entscheidende Faktor Die letzten Ereignisse in der zionistischen Bewegung, die Maßnahmen der englischen Regierung, die Verhandlungen vor der Mandatskommission und die vorangegangenen jüdischen Protestkundgebungen in der ganzen Welt haben, wenn auch keine vollständige Klärung, doch eine gewisse Erhellung der Lage gebracht. Auffallend waren besonders die englischen Presseäußerungen. Allen voran schlugen die „Times“ ganz andere Töne an. Endlich setzte sich die Erkenntnis durch, welche Bedeutung die rein wirtschaftlichen Leistungen der jüdischen Aufbauarbeit in Palästina für die Entwicklung des ganze'n Landes haben. Die „Times“ nennen das ideelle und materielle jüdische Intersese an Palästina den entscheidenden Faktor, ohne den das Heilige Land eine der ärmsten Länderstrecken des Vorderen Orients geblieben wäre und unweigerlich wieder in Armut versinken müßte, wenn durch eine falsche Politik das jüdische Interesse für Palästina für eine längere Zeit gedrosselt würde. Erfreulich ist, daß in Palästina selbst trotz aller politischer Aufregungen das wirtschaftliche Leben vorwärtsschreitet. Wenn man in diesen Tagen die Lage im Lande in ihrer Totalität betrachtet, so kann man sagen, daß die Folgen der Augustunruhen, die monatelang ihre zerstörenden Kreise zogen, nunmehr vollständig überwunden sind. Die wirtschaftliche Lage ist ausgesprochen günstig. Der Orangenmarkt, der sich zu Beginn des Winters nicht ganz so günstig anließ wie im Vorjahr, erwies sich auf die Dauer als gut, und die Einnahmen der Pflanzer entsprachen den Erwartungen. Ein klimatisch besonders günstiger Winter, in dem Regenfall und Sonnenschein im richtigen Verhältnis verteilt waren, gibt Hoffnung auf eine vorzügliche Getreideu!nd Obsternte. Wenn es in diesem Jahre gelingt, die reiche Ernte ohne Zwischenfall hereinzubringen, so gebührt ein Teil des Dankes hierfür der Regierung, die mit großer Energie und unter Investierung erheblicher Summen es sich hat angelegen sein lassen, die drohende Heuschreckengefahr abzuwenden. Ohne ihre umfassenden Kriegsmaßnahmen im Kampfe gegen das verheerende Ungeziefer — Kanonen und Flammenwerfer an den Landesgrenzen und ein ganzes Heer von Beduinen zur Zerstörung der Heuschreckeneier — hätten wir vielleicht in diesem Jahre die Katastrophe des Kriegsjahres 1916 nochmals erlebt, bei der die Felder und Pflanzungen im Lande vollständig von den Heuschrecken verwüstet wurden. Handel und Wandel gehen nicht nur ihren gewohnten Gang, sondern haben auf gewissen Gebieten einen ausgesprochenen Aufschwung genommen, vor allem auf dem Gebiete des Baugewerbes. In den Städten, in erster Linie in Jerusalem, hat sofort nach den Unruhen eine starke Baubewegung eingesetzt. Die vom arabischen Boykott in ihrer Existenz bedrohten Kaufleute der Jerusalemer Altstadt flüchteten aus ihren ohnehin baufälligen, licht- und luftlosen Bazairen in die neueren Stadtviertel und durch diese Bewegung erlebte das jüdische Hamdelszentrum an der Birkat Mamillah-Straße, das sich einige Jahre lang nicht recht entwickeln wollte, einen raschen Aufschwung. Die jüdischen Mieter arabischer Häuser — besonders in den entlegeneren, in unruhigen Zeiten gefährdeten Häusern — strebten nach dem Anschluß an kompakte jüdische Wohnsiedlungen; aus diesem Streben heraus begann ein so intensives Bauen jüdischer Wohnhäuser, daß heute die Lücken zwischen mehreren bisher isolierten jüdischen Vierteln fast vollständig ausgefüllt sind. Unter den jüdischen öffentlichen Gebäuden, die im letzten Winter entstanden sind, zeichnet sich besonders das neue Haus des Jüdischen Nationalfonds in dem Jerusalemer Viertel Rechawiah aus, in das nun, obgleich noch überall geklopft, gestrichen und gefeilt wird, das Büro bereits verlegt worden ist. Schon wird auf dem großen Terrain, auf dem das Haus des Keren Kajemeth zusammen mit den Häusern des Keren Hajessod und der Zionistischen Exekutive einen stattlichen, und wie man aus diesem ersten Hause schließen darf, wirklich ästhetischen Gebäudekomplex bilden wird, weiter gesprengt, gegraben, Baumaterial vorbereitet. Diese rege Bautätigkeit wirkt natürlich äußerst günstig auf den Arbeitsmarkt — man kann sagen, daß zur Zeit in den Städten so gut wie gar keine Arbeitslosigkeit unter den Männern besteht — (in bezug auf die Frauenarbeit liegen die Verhältnisse etwas ungünstiger). Geringere Einnahmen als in den Vorjahren fließen in diesem Jahre dem jüdischen Touristengewerbe zu. An sich ist der Touristenstrom nicht kleiner geworden, es scheint sogar, als ob die Reisegesellschaften in diesem Winter das Land Palästina, das wieder einmal die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen hat, als besondere Attraktion in ihr Programm einbezogen haben. Nur haben den Nutzen von diesen Reisegesellschaften im allgemeinen mehr die christlichen und arabischen Hotels, Führer, Kutscher, Andenkenläden, abgesehen von dem großen, eleganten, neuen Palace-Hotel in Jerusalem, das auf Wakf-Boden errichtet ist, aber einer mit jüdischem Kapital fundierten Gesellschaft gehört und einem jüdischen Pächter untersteht. Eine bedauerliche Erscheinung im diesjährigen Touristenverkehr ist die erbitterte antizionistische Propaganda, die von arabischer und christlicher Seite unter den Touristen getrieben wird und gegen die wir durchaus Abwehrmittel schaffen müßten. Die Zahl der jüdischen Touristen ist verhältnismäßig gering; viele Leute haben nach den Unruhen ihren Plan einer Winterreise nach Palästina aufgegeben, übrigens unnötigerweise, da das Reisen im Lande auch für Juden wieder absolut sicher geworden ist und diese Einbuße das jüdische Touristengewerbe schädigt. Dagegen ist in den letzten Monaten die wirkliche jüdische Einwanderung in einem ständigen, starken Strom erfolgt. In den schweren Wochen und Monaten nach den Unruhen war dieser Zustrom neuer, körperlich und seelisch auserwählter Elemente der größte Trost und die größte Mutstärkung, welche der schwer getroffene Jischuw erfahren konnte. Bei den günstigen Arbeilsverhältnissen im Lande konnten die neuen Einwanderer restlos nach einer Wo-