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Das jüdische Echo · 1930-06-13 · 18 (13.6.1930) Der Aufstand · p. Seite 36

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
18 (13.6.1930) Der Aufstand
Date
1930-06-13
Page
Seite 36 (sequence 2)
Language
German
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36 Romanbeilage des „Jüdischen Echos* Nr. 18 Zauberkabinetts, in dem langbärtige Zauberer ganze Berge verschiedenster Dinge aus dem Busen ziehen. In einer Ecke des Wagens bemühte sich ein Jude mit seinem breiten Kaftan, den er abgelegt hatte, so weit als es ging, seine Frau und seine stark gepuderte Tochter zu verdecken, die auf ihren Bündeln saßen und denen ein junger Bauernbursche silberne Uhren übergab. Der Bursche stand zwischen Mutter und Tochter und zog die Uhren aus den Schäften seiner Stiefel; die beiden Frauen versenkten sie hinter ihre weit vorstehenden Korsetts. Von Zeit zu Zeit schob der Bursche eine Uhr mit eigener Hand in den Busen der Tochter, die aufkreischte. „Mutter, der Kerl zwickt mich!“ „Hör nur, wie sie schreit! Was kann ich dafür?“ schalt die Mutter und wandte sich dann zu dem Burschen. „Antek, was willst du von dem Mädel?“ Ein kleiner Jude, rund wie ein Faß, stand mitten im Wagen; er trug einen langen Tallis- Koton und löste eben seinen Gürtel von seiner Hose. Dann wickelte er unzählige Leibchen und Röcke und ganze Stücke Seide von seinem Körper; es war nahezu unbegreiflich, daß eine Person imstande war, sich mit soviel Ware auszustopfen und die Zollbeamten zu täuschen. „Aj, aj!“ rief der kleine Jude, der sich allmählich aus einem kugelrunden in ein spindeldürres Männchen verwandelte. „Wer konnte riechen, daß der ,Haman‘ heute nicht revidieren wird?“ „Wenn man Pech hat, hat man4s immer!4* sagte eine alte Frau und begleitete diese ihre Sentenz mit einem Kopfnicken. Gerade heute, es ist zum Zerspringen, muß mir einfallen, nichts anderes als altes Lumpenwerk mitzunehmen!“ Die Leute lärmten und schrien. Ein dicker Schaffner, eine Laterne in der Hand, durchschritt, von einem langen Juden, dem sogenannten „Peitscher“ begleitet, den Waggon und zählte die gebrauchten Fahrkarten, die er seinem Begleiter und Agenten zur Verteilung an die Passagiere übergab. Der „Peitscher“, der Vertrauensmann des Bahnschaffners, welcher — natürlich Halbpart — die auf dieser Strecke üblichen Schwarzfahrten Passagiere vermittelte, blieb bei dem Juden stehen, welcher so eifrig die „Grundlagen“ las, und begann, ein gleisnerisches Lächeln auf seinem breiten, aber jugendlichen und spärlich behaarten Gesicht: „Reb Mojsche! Ihr hättet, so wahr ich lebe, einen Taler ersparen können; der ganze Waggon fährt „schwarz“. Und ich gebe Euch mein Wort, heute wird kein Kontrolleur kommen!“ „Und wenn du mich in Gold fassest“, Reb Mojsche strich sich seinen Bart, „glaubst du, ich würde mit dir fahren? Alles Unheil, das über uns Juden kommt, geschieht nur durch Euch, Ihr Schwindler, stell dir nur vor,“ Mojsche spreizte seine Finger und ließ dabei den Bart los, „es kann ja doch geschehen, daß mitten auf der Fahrt der Kontrolleur einsteigt und einen vollgestopften Waggon mit unseren Leuten findet, von denen keiner eine gültige Fahrkarte hat. Kann es einen größeren Skandal geben?“ „Aber, aber, Reb Mojsche! Im schlimmsten Fall kostet es ein paar Silbergroschen!“ Das breite Gesicht des „Peitschers“ wurde beim Lachen noch breiter. „Mit einem ,Händedruck4 kommt man selbst bis zum Zaren, so ist nun einmal heute die Welt. Würden wir Eure Methoden befolgen, Reb Mojsche, so brauchten wir alle keine Zähne mehr zum Essen! Na schön, Ihr habt nun einmal eine Fahrkarte gelöst und den ,dummen Michel4 um einen Taler reicher gemacht, ein gutes Werk, wahrhaftig! Aber ich wüßte Rat, wie Ihr Euch die Reisespesen einbringen könntet und sogar einen Taler drüber! Nehmet mir die zwei goldenen Uhren mit! Einverstanden? Erweiset ein einziges Mal einem Juden eine Gefälligkeit!“ „Nichts von Gefälligkeit!“ fuhr Mojsche wütend auf. „Ich habe mir ein für allemal zugeschworen, daß ich mit Euch nichts zu tun haben will. Lasset mich in Frieden!“ Mordechai, der die ganze Zeit hindurch keinen Blick von dem Treiben im Waggon verwandt hatte, traute seinen Ohren nicht. Er litt mit den langbärtigen Juden, die Tag und Nacht ihren Geist schärfen, um einander zu betrügen; sie sind doch überall das Um und Auf im Handel und Wandel. Reb Mojsche schlug das Buch wieder auf; er warf einen Blick auf Mordechai, als hätte er seine Gedanken erraten, und begann lächelnd: „Sie glauben wohl, ich hätte noch nichts Unrechtes getan? Ich spreche nicht von der Fahrkarte, sondern von den Uhren. So auf den ersten Hieb sagt man sich: Sie sind Gauner und verdienen, mit der Wurzel ausgerottet zu werden! Doch wenn man es von einer anderen Seite betrachtet, was soll ein junger Mensch wie dieser Kasriel anfangen? Soll er Handwerker werden? Wir haben ihrer genug! Die Handwerker sterben auch Hungers. So bleibt doch wieder nur der Handel übrig ... (Fortsetzung folgt.)

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