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Das jüdische Echo · 1930-06-06 · 17 (6.6.1930) Der Aufstand · p. Seite 34

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
17 (6.6.1930) Der Aufstand
Date
1930-06-06
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
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34 Romanbeifaze des „Jüdischen Echos' Nr. 17 genau so abscheulich, wie wenn ein alter Esel auf ein junges Mädel fliegt. Wie ich den Fuß über meine Schwelle setze, kriege ich ein anderes Gesicht. Die Leute halten mich für einen Riesen. Ein schöner Riese! Selbst dann, wenn ich jemanden anspucke, wenn ich ihn in Stücke reiße, weiß ich ganz genau, daß ich gar nicht böse bin! Ein Spatzenschreck bin ich bloß, und ich leide darunter, unsäglich leide ich darunter, daß ich nicht einmal recht und echt böse sein kann! Ich weiß natürlich sehr gut, daß sie alle, die mich umkreisen, falsch sind, und um ihnen zu zeigen, daß ich sie kenne, lache ich über sie und trete sie mit Füßen. Doch sie sind elastisch wie Gummimänner und nehmen den Fußtritt für Freundschaft. Ich kann die siebenmal weisen Leute nicht ausstehen, und am stärksten fällt mir der deutsche Jude mit dem struppigen Bart auf die Nerven. Er hat mir London verleidet und die Besuche in der Bibliothek des British Museum. Tagelang sitzt der Kerl dort, von einem Berg Bücher umgeben, so daß man ihn kaum sieht. Hundertmal sage ich mir: Wer ist schon dieser Kerl? Wenn ich Lust habe, packe ich ihn an seinem Judenbart, haue ihn auf einen anderen Platz hin und gehe weiter, als wäre nichts geschehen. Nun denn, schön, ich bin mir also schon im klaren, doch wie ich in den Lesesaal komme und den kleinen Juden sehe, der mir direkt in die Augen guckt und mich nicht sieht, da spüre ich, daß ich ein Nichts bin, daß meine Größe zerflattert wie ein Spinngewebe im Wind, daß die Leute keinen ärgeren Witz erfinden konnten, als mich einen Riesen zu nennen! Ich balle die Fäuste; die Lust wandelt mich an, auf den kleinen Juden zuzugehen und ihm eine Ohrfeige herunterzuhauen, ihn an seiner gewaltigen Nase aus der Bibliothek herauszuzerren, mit den Fäusten ihn zu zwingen, daß er mich anerkenne ... Ein einziges Mal habe ich versucht, mich ihm zu nähern; doch wie ich nur auf ihn zükam und ihm in die Augen sah, da bekam ich eine Gänsehaut und spürte, wie sich mir die Haare sträubten. Seine Gelassenheit erschien mir gefährlich, sie jagte mir Furcht ein, und alles in mir sträubte sich; so geht es wohl einem Hund, wenn er einer Katze begegnet. Und er, er hatte plötzlich ein sonderbares Lachen, zuckte mit den Achseln und schien mich damit ein für allemal zu erledigen; dann verschwand er in seinem Bücherhaufen. Damals verbrachte ich eine schlaflose Nacht. Mitten in der Nacht sprang ich auf; mein erster Gedanke war, ein Buch zu schreiben — ,Der Riese und der Zwerg‘ sollte es heißen —, worin ich bewies, daß der Riese in Wirklichkeit nicht ein Riese sei, sondern ein Wurm, und, umgekehrt, der Zwerg sei der wahre Riese. Der Gedanke verdroß mich. Wie? Mich selbst begraben? Das Recht des Vorrangs dem bleichen, kleinen Juden aus Deutschland einräumen, der tagelang in der Bibliothek hockt? Nein, ich muß ihm zeigen, wer ich bin! Der kleine deutsche Jude muß sich noch vor mir beugen, sonst zerfetze ich ihn, zerknülle ihn und werfe ihn weg, wie einen alten Lappen. Kaum war es Tag geworden, lief ich in höchster Erregung vom Hause fort und irrte durch die Straßen. Mittags rannte ich hungrig, wütend wie ein gereizter Stier in die Bibliothek. Er kam mir entgegen. Zitternd vor Wut ging ich auf ihn los, als wäre der Weg frei, schob ihn mit einem Ruck zur Seite und setzte mich, befriedigt, daß die Leute die Szene bemerkt hatten und lächelten, an meinen Platz, um Zeitung zu lesen. Doch bald packte mich wieder der Ärger; ich sagte mir; hätte er dir wenigstens eine Ohrfeige gegeben oder ein Buch an den Kopf geschleudert, aber so, er sieht dich ja gar nicht als Menschen an, er fühlt sich durch dich gar nicht beleidigt, genau so, als hätte ihn eine einstürzende Mauer umgerissen oder ein Blitz niedergeworfen!... Was liegt mir daran, wenn meine Anhänger sagen, ich hätte nichts Besseres tun können, als ihn wegzuschieben wie einen Stuhl, der einem im Wege ist; was nützt mir das, wenn er mich nicht anerkennt; sich durch mich nicht beleidigt fühlt: er ist nicht einmal rot geworden, wie ich ihn weggeschoben habe! ... Und nun sind alle Zwangsmittel erschöpft, die moralischen und physischen, nun weiß ich: ich bin nicht anerkannt, ich bin kein Riese, ich bin ein Nichts! Was nützt es mir, daß mich alle hier in der Kommune anerkennen, wenn er, wenn Karl Marx, der mir wie ein Dorn im Fleische steckt, mich nicht einmal bemerkt? Früher, da konnte ich mich wenigstens damit trösten, ich würde ihn durch Gewalt zwingen können, mich anzuerkennen; doch jetzt ist auch das vertan, und es bleibt beinahe nichts anderes übrig, als selber auf ihn zuzugehen und ihn zu krönen, ihm zu sagen: ,Zwerglein, wir haben die Rollen getauscht, von heute an wirst du der Riese sein, und ich, der Zwerg, werde zwischen den verstaubten Büchern sitzen. Recht so?‘ Fortsetzung folgt.

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