Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 16 (30.5.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-05-30
- Page
- Seite 32 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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32 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 16 „Fahren wir mit Grabowski?“ Ihr Gesicht, ihre Stimme waren voll Koketterie, als spräche sie nicht mit ihrem Mann, sondern mit dem Grafen. „Wir fahren, Jadwiga, wir fahren ...“ Die kleine Jadwiga tat fast einen Luftsprung vor Freude und verschwand zwischen der Jugend. „Ich mag den Russen nicht!“ sprach Norwid zu Heß. „Er ist ein tiefer, ruheloser Mensch.“ „Ein tiefer Mensch setzt nicht die Kirche einer Schenke gleich und sieht nicht das einzige Heil in einer blutigen Revolution!“ „Sind Sie, Herr Norwid, ein Gegner des Aufstandes?“ Norwid schwieg, sein edles, nahezu durchsichtiges Antlitz, das dem eines Heiligen glich, wurde traurig. In einer Ecke saß auf einem Schemel ein Mädchen mit eingefallener Brust in einer roten Bluse und sang: „Z dyrnem pozarow“. Schwach, kläglich, wie die Gestalt der Sängerin. Fast niemand stimmte ein ... Mordechai tat, als merkte er nicht, wie Leonora sich vorsichtig nach allen Seiten umsah und die Kuchenreste vom Tisch in den Falten ihres schwarzen Kleides verschwinden ließ. Ihre spitzen Schultern zuckten im Takt des Liedes, als tanzte der Tod an dem Tische. Norwid beugte sich zu Heß: „Vergossenes Blut befleckt das erhabenste Ziel.“ „Ungefähr so sagt das Bakunin auch,“ antwortete Heß ganz leise, „und doch ist es notwendig. Wenn Sie gegen Blutvergießen sind, wie soll denn anders die Befreiung Polens kommen?“ „Der Pole in mir ist für den Aufstand, der Katholik dagegen.“ „Ich verstehe Sie, Herr Norwid, doch Blutvergießen läßt sich nicht vermeiden, und wenn es sich um die Befreiung eines unterdrückten Volkes handelt, dann muß man das Blutvergießen so nehmen, wie etwa eine Katastrophe, die durch eine Überschwemmung oder ein Erdbeben hervorgerufen wird.“ Nach der neuesten Mode gekleidet, schritt Graf Grabowski elegant an Therese vorüber. Er warf einen Blick freudiger Überraschung auf sie: „Guten Abend, Mademoiselle Therese, was tun Sie hier?“ „Ich bin gekommen, um mich von Ihnen zu verabschieden. Thereses Gesicht hellte sich auf. „BestenDank, Mademoiselle; sindSie allein?“ „Mit einem Freunde.“ „Sie wissen also gar nicht, daß ich Sie schon seit einigen Wochen in ganz Paris suche?“ „Und ich hatte keine Ahnung! ...“ Therese fand den leichten Plauderton, der zwischen einem Manne und einer Frau herrscht, die einmal anders zueinander standen. „Wer ist Ihr Freund?“ Therese wandte den Kopf nach allen Seiten des Saales und deutete dann stumm auf Sonda. Grabowski betrachtete Therese von der Seite her mit jener Herablassung, die schöne Männer haben, wenn sie Frauen mustern; er fand, daß sie jünger und schöner geworden war, und seine Augen verirrten sich im Ausschnitt ihres Kleides. Terese, die es merkte, bereute den leichten Ton, den sie angeschlagen hatte, und wollte sich abwenden. Grabowski packte sie an der Hand und schaute ihr in die Augen mit einem Blick, der wie eine Peitsche drohte: „Ist es wirklich Sonda?‘ ‘ Er fing den Spott auf, der in ihren Mundwinkeln lag, und ein lautes Lachen erschütterte seinen Athletenkörper. „Fein, Mademoiselle! Warum haben Sie’s so eilig? Heute werden Sie mich nicht mehr los, Sie müssen mit mir gehen!“ „Lassen Sie mich los!“ Die Freude auf ihrem Gesichte war verschwunden. „Heute nicht mehr!“ „Lassen Sie los, sage ich!“ Sie entriß ihm ihre Hand und eilte in die gegenüberliegende Saalecke. Der Graf sah ihr nach und winkte dabei vielsagend seinen Bekannten zu; sein schönes Gesicht hatte einen dummen Zug. Im Saale entstand leise Unruhe. Man warf einander Blicke zu, und die Augen fragten: „Was gibt es? Was ist geschehen?“ Mordechai spürte im Rücken die auf ihn gerichteten Blicke; er sah Therese in einer Ecke, blutrot, und ihre Augen schienen blicklos auf einen Punkt zu starren. So stand sie da wie eine Ausgestoßene. Mordechai trat auf sie zu: „Was hast du, Therese?“ „Gar nichts!“ „Hat dich jemand beleidigt?“ „Nein, niemand hat mich beleidigt.“ „Warum bist du so bleich? Ist dir nicht wohl?“ „Der dort, siehst du ihn, der Blonde ...“ „Graf Grabowski?“ „Ja. Er ist manchmal mit mir gegangen...“ „Nun und...?“ „Er hat mich erkannt“, ihre Stimme war voll Tränen. Fortsetzung folgt.