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Das jüdische Echo · 1930-05-30 · 16 (30.5.1930) Der Aufstand · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
16 (30.5.1930) Der Aufstand
Date
1930-05-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-B EIL AGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER AUFSTAND VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 15. Fortsetzung Es war bereits spät am Abend, als Mordechai mit Therese in der Kommune ankam. An zusammengeschobenen Tischen, die eine lange Tafel mitten in dem großen Saal bildeten, saßen etwa dreißig Personen, unter ihnen Heß mit Sybille, Norwid, Sonda, Kahane, Bakunin mit seiner Frau und der Exdiktator mit Leonora. Die offiziellen Toaste waren bereits vorüber, und' es gab ein ununterbrochenes Stühlerücken. Fast unbemerkt nahmen Mordechai und Therese am Tisch Platz, auf den von der Wand ein Kosciusko-Bild herabblickte. Die Jugend, die sich in froher Stimmung befand, gruppierte sich um Norwid, Heß und Bakunin, lächelt vergnügt, wenn Leonora laut dem Exdiktator Unterricht in guten Manieren gab, und warf verstohlen neugierige Blicke auf Frau Bakunin, eine sehr junge ,kleine Polin mit kurzgeschorenem, blondem, lockigem Haar, das bei der Kopfbewegung des lebhaften Persönchens wie Glöckchen hin und her schwang. Sie hatte ein Kinderlachen, das ansteckend wirkte, doch ihr junges Gesicht hatte einen traurigen und zugleich dirnenhaf- ,ten Ausdruck. Sie war von einem Gefolge junger Herren umgeben, in dem ein blonder Riese auffiel, der ein Monokel trug; immer wieder beugte er sich zum Ohr der kleinen Frau, und es ließ sich nicht genau feststellen, ob er ihr etwas ins Ohr flüsterte oder seinen Arm um sie legte. Bakunin, ebenfalls ein Riese, mit zwei Ellen breiten Schultern, schob ein halbvolles Glas von sich fort und wollte sich erheben; als er jedoch das Geplapper seiner Frau hinter seinem Rücken hörte, blieb er sitzen. „Ich beneide Sie, Graf Grabowski, daß Sie jetzt nach Polen fahren.“ „Fahren Sie mit, Pani Jadwiga.“ „Jedes Haus in Polen wird Ihnen offenstehen, die schönsten Frauen werden Ihnen gern ihre Türen öffnen .. „Oh, die schönsten sicher nicht; denn Sie, Pani Jadwiga, bleiben doch hier!“ Bakunin vermochte nicht mehr weiter zuzuhören. Er trank sein Glas Wein leer, erhob sich vom Tische und ging geradeswegs auf seine Frau zu, ohne jemanden in ihrer Umgebung zu bemerken. Neben ihm wirkte sie wie ein Fohlen neben einem Elefanten. Er umarmte sie lachend, wobei seine zahnlosen Kiefer sichtbar wurden: „Und du hast Angst gehabt, du würdest dich langweilen!“ „Michael, fahren wir nach Polen?“ Sie blickte ihren Mann aus Augen an, die alles zu erreichen imstande waren. „Wir werden fahren.“ „Mit Ihnen.“ Jadwiga drehte ihr Köpfchen dem Grafen zu. Bakunin richtete sich hoch auf und wurde um einen Kopf größer als der Graf. Die beiden Männer musterten einander. Der Graf war jung, elastisch tadellos straff, Bakunin aufgedunsen. Die Jahre hatten ihm schon ihre Spur aufgedrückt und sich in die Falten und die Knochen seines mächtigen Körpers eingefressen; es fehlte nicht viel, und Bakunins Blick wäre von dem des Grafen bezwungen worden. Bald aber verschob sich die Locke, welche sorgfältig links vom Scheitel frisiert war, und fiel dem Grafen in die Stirn; das Auge hinter dem Monokel zuckte. Bakunin lächelte zufrieden, daß er bloß mit dem Blicke seiner Augen noch immer solche Burschen wie den Grafen im Zaum halten konnte. Er musterte die Gesichter ringsum und stellte verwundert fest, daß einer wie ein Hund, der andere wie ein Wolf aussah; der dort mit den spitzen Ohren wie ein Esel, und der andere mit dem kugeligen Kopf und den rundlichen Ohren wie ein Tiger... Aber ich, Bakunin, kriege sie alle unter, halte sie in gehöriger Distanz und gebe acht, daß mir keiner Jadwiga abspenstig macht... Doch wo ist die Negation, welche jeder Entwicklung innewohnt? ging es plötzlich durch sein Hirn. So hat doch der Urmensch, der Wilde gehandelt, der sich im Laufe der Jahrtausende in diesen parfümierten Grafen verwandelt hat. Von den primitiven Begierden hätte doch heute keine Spur bleiben können ... „Michael, warum antwortest du mir nicht?“ „Was denn? ...“

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