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Das jüdische Echo · 1930-05-23 · 15 (23.5.1930) Der Aufstand · p. Seite 30

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
15 (23.5.1930) Der Aufstand
Date
1930-05-23
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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30 Romanbeilage des «Jüdischen Echos' Nr. 15 — wie sie das Annette deutlich zu verstehen geben könnte. „Weißt du, mein Kind“ — Annette fuhr fort, ihre Worte wie Perlen zu reihen — „mich liebt man ganz anders, nicht als Weib .. „Das einzige Übel ist nur, Annette, daß die Männer gerade das Weib in der Frau lieben, und sogar dein Jean .. „Was, mein Jean?“ Annette nahm ihr Pincenez ab und sah Rachel mit kurzsichtigen, trüben Augen an. „Er sucht auch zuallererst das Weib in der Frau...“, fuhr Rachel fort. Doch da sie merkte, daß Annettes Gesicht die Farbe wechselte, vollendete sie den Satz nicht, sondern bot Annette ein Stück gebratenen Fisch auf einem Teller an: „Versuche doch, Annette, sie haben noch gezappelt, als ich sie zerschnitt!“ Annette, durch Rachels Andeutung in Harnisch gebracht, war bereit, den Sturzbach ihrer Wut überschäumen zu lassen. Doch das angebotene Fischgericht besänftigte sie, und durch die Gläser ihres Pincenez flirrte ein mißratenes Lächeln. Der Duft der frischgebratenen Fische lockte Leonora an, die in ihrem langen, schwarzen Kleid wie ein Schatten zwischen den Töpfen wandelte. Rachel bedeckte instinktiv die gebratenen Fische mit einem Teller; doch sie schämte sich dieser Bewegung, nahm den Teller wieder von der Pfanne und sagte: „Möchten Sie nicht kosten, Gräfin Radziwill?“ „Ein ganz kleines Stückchen, bitte!“ Leonora zog die Lippen schmal. „Danke, Rachel!“ Sie knapperte die Kostprobe mit den Schneidezähnen und sprach, als stünde sie auf der Bühne, den Blick geradeaus gerichtet: „Der verrückte Russe hat mich wieder um den Schlaf gebracht!“ „Wer, Bakunin?“ fragte Annette — ein Druck auf den richtigen Knopf genügte, um Leonora zum Sprechen zu bringen. „Gestern hatte ich furchtbare Kopfschmerzen,“ Leonora setzte zwischen jedes Wort eine Atempause und schien die Worte auszusuchen, „ich lag die ganze Nacht wach. Wie ich endlich gegen Morgen einschlummere, höre ich im Halbschlaf Stimmen, sie wecken mich, nebenan schreit der Russe, schleudert Teller und Stühle umher und brüllt, er werde Jadwiga erwürgen.“ „Sie hat doch seit einiger Zeit keinen...“, ließ sich Rachel schüchtern vernehmen. „Und Michel?“ Hinter dem Pincenez blitzen Annettes Augen auf. „Der Anarchist?“ „In eine schöne Gesellschaft hat mich Jan gebracht!“ Leonora reckte ihren langen, dünnen Hals, fuhr mit der Zunge über die Lippen, und ihre Augen glitten wie die eines alten Vogels suchend über die Töpfe. „Man führt das Leben von Zigeunern, und vor den Leuten tut man sittsam, gibt vor, die Menschheit zu retten, ich bleibe nicht länger hier ... ich habe genug geopfert... ich bin eine geborene Radziwill... Es ist mir nicht möglich, dreimal täglich Sybille zu begegnen, Heß’ Frau, die er sich aus einem Freudenhaus 'geholt hat.. „Und Michels Frau, Margaret, läßt das zu?“ fragte Rachel. „Ist sie denn besser?“ fragte erregt Leonora. „Nicht so laut, Margaret ist doch hier!“ Annette zupfte sie an der Pelerine. Erschrocken warf Leonora einen zwinkernden Seitenblick auf Margaret; dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und sagte ganz leise, fast unhörbar: „Ich bin stets bereit, jedermann die Wahrheit ins Gesicht zu sagen!“ In der Tür stand Jadwiga, sorgfältig gekleidet. Als sie sah, daß am Tisch und am Herd kein Platz mehr frei war, schlenderte sie gutgelaunt zwischen den Frauengruppen hin und her, warf da einen Witz ein, gab dort eine Anekdote zum besten. Als sie wieder gehen wollte, vertrat ihr Margaret den Weg: „Wenn du meinem Michel nicht Ruhe gibst, kratze ich dir die Augen au(s!“ Jadwiga erbleichte. Sie merkte, daß die Frauen von ihren Töpfen näher kamen und antwortete schlagfertig: „Wer kümmert sich denn um ihn?“ „Du!“ „Lüge!“ Aus allen Winkeln schossen neugierige Blicke, die auf ein Ereignis warteten. „Lüge oder nicht,“ schrie Margaret, „doch wenn ich dich noch einmal mit ihm treffe, dann...“ „Was dann?...“ Die kleine Jadwiga trat näher und ihr schönes Gesicht glühte. „Dann wird es nicht gut enden!“ „Das wird sich zeigen!“ „Was gibt es, Margaret, warum schreist du so?“ Wie aus dem Boden gewachsen stand Michel in seinem schwarzen Hemd, das von * einer Schnur mit Troddeln an den Enden umgürtet war, in der Tür. Margaret senkte den Kopf, wurde ganz klein, und schlich sich zum Herd. Jadwiga huschte hinaus, Michel hinter ihr. In der Küche hing bleierne Stille. Fortsetzung folgt.

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