Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 14 (16.5.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-05-16
- Page
- Seite 28 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 14 zu betreten, ihnen draußen auflauerte. In der Kommune, unter dem Schutze des Prinzen Jeröme, waren sie geborgen. Moses Heß war in der Kommune beliebt. Täglich zwischen sechs nud sieben früh hallte sein gemessener Schritt durch den Korridor; da machte er seinen Morgenspaziergang. Währenddessen verzehrte er sein mageres Frühstück und trank dazu Wasser aus der Leitung im Korridor. Heß war für alle „Völker44 der Kommune tätig; er verfaßte Aufrufe für die russischen Nihilisten, für die polnischen und ungarischen Revolutionäre wie für die Garibaldianer und machte Propaganda für Produktivgenossenschaften. Auf seinen Nachmittagsspaziergängen im Korridor, bei denen er mehr als einmal seinen Hunger mit Wasser stillte, war er von einer ansehnlichen Suite begleitet, die dafür sorgte, daß er nie einen Sou in der Tasche behielt. Ein einziger Bewohner der Kommune haßte Heß; das war der ungarische Revolutionär Sonda, der ein Vierteljahrhundert im Gefängnis verbracht hatte und dort fromm geworden war. Sonda lebte in ewigem Zwist mit seinen Nachbarn; konnte er sie nicht durch seine Argumente überzeugen, so nahm er seine kurzen dicken Hände zu Hilfe, mit denen er die stärksten Nägel biegen konnte. Der untersetzte Sonda mit den breiten Schultern stand im Korridor, von einer Gruppe Hausgenossen umgeben. Eine schwarze, struppige Mähne fiel ihm in die Augen. Das breite, flachgedrückte Gesicht blickte starr auf seine Umgebung und schien sie wie ein den Berghang herabrollender Steinblock zu bedrohen. „Ich hole einen Priester!“ stieß der ewig heisere Sonda hervor und brodelte dabei wie Wasser in einem Kessel. „In dieses Haus darf keiner hinein!“ tönte es ihm entgegen. „Wir haben uns von unseren Eltern und Kindern, von unserer Heimat losgesagt“, begann ein junger Mensch in einer roten Bluse, „uns wird auch der Tod nicht schrecken! Wenn Sonda zu »einer Frau einen Priester holen will, so möge er sie aus der Kommune fortnehmen!“ „Richtig!“ „Schwarze Krähen werden hier nicht eingelassen!“ Die Nachbarn sahen Heß und wandten sich ihm zu. „Wir wollen Heß fragen, ob ein wirklicher Revolutionär ein frommer Christ sein kann!“ „Was geht mich Heß an?“ fauchte Sonda, „und wenn er nein sagt, was folgt daraus? Saint-Simon hatte ein Verhältnis zum Christentum, ebenso Proudhon, ebenso Fourier — nur ihr Gotteslästerer habt keines!“ „Das ist ein Irrtum, Sonda!“ „Ein Sterbender“, das starre Gesicht wurde plötzlich weich, „Verlangt vor dem Tode einen Priester und ihr... Esel seid ihr, Ochsen, keine Menschen! Warum schickt ihr mich zu dem Juden Heß?“ „Sonda hat recht!“ rief Heß hinüber. „Man kann Revolutionär und dabei doch ein frommer Christ sein!“ Die Zuhörer rissen Augen und Ohren auf; diese Worte hatten sie von Heß nicht erwartet. „Deine Frau stirbt, Sonda?“ Brüderlich legte Heß ihm die Hand auf die Schulter. „Tut mir leid! Komm, wir wollen einen Priester holen!“ Sondas breites, flachgedrücktes Gesicht wurde schmäler; eine Zeitlang sah er Heß mit offenem Munde an, dann drückte er ihm die Hand, und in seine Augen kam ein Leuchten, das seinem Gesicht alle düstere Starrheit nahm ... In der Kommune wohnte auch ein früherer polnischer Diktator, der in Frankreich im Exil lebte. Kaliane wollte ihn für den polnischen Aufstand gewinnen. Er hatte ihn einige Male gesehen, und die Erscheinung des Diktators stand ihm ständig vor Augen; groß, ernst, mit dem Ausdruck ehernen Willens. Nicht ohne Grund hatte ihm wohl das Volk die Beinamen Revolutionär, Demagog, Menschenschlächter gegeben. Kahane mußte vom untersten Korridor bis in das zweite Stockwerk hinaufgehen, um in die Wohnung des Exdiktators zu gelangen. Er klopfte einmal, zum zweitenmal. Es wurde leise geöffnet. Eine große,' hagere Dame ließ ihn ein. Ehe Kahane noch Zeit hatte, ein Wort zu sagen, warf sie ihm einen mißtrauischen Blick zu und begann: „Daraus wird nichts... Jan wird Paris nicht verlassen... er hat genug Opfer gebracht ... ich habe mich auch geopfert... ich bin eine geborene Radziwill...“ Auf einen solchen Empfang war Kahane nicht vorbereitet; er wurde verlegen, und es dauerte lange, ehe er höflich fragte: „Wo ist Genosse Jan?“ „Er ist hier.“ Fortsetzung folgt.