Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 13 (9.5.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-05-09
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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2ö Romanbeilage des „Jüdischen Echos* Nr. 13 geschickt wurde, um die Studenten zu organisieren, konnte er einen ganzen Abend lang über die Zahl Vierundvierzig in Mickiewicz’ „Dziady“ sprechen; dazu sprach er so, daß man ihm zuhören mußte, und schuf dadurch eine Legende um seine Person. So wuchs er über die Organisation hinaus und konnte nicht beiseite geschoben werden. Seit Mordechai an der militärischen Ausbildung teilnahm, hatte der Wald es ihm angetan. Er hatte Sehnsucht nach der Heimat, war von der Vorstellung beherrscht, daß er zur Heimreise rüste, und verfolgte eifrig die Ereignisse in Polen. Aus den Berichten, die Kahane aus dem Lager Mieroslawskis brachte, schloß Mordechai, der Aufstand könne täglich ausbrechen. Bis zum letzten Moment machte er sich keinen Augenblick Gedanken darüber, was aus Therese werden würde. Ihre Liebe verpflichtete ihn nicht und schuf ihm keinerlei Last; noch nie hatte er aus ihrem Munde gehört, daß er mit ihr zu rechnen habe, und was er tat, war stets gut. Die Karten der Mutter, welche während der drei Pariser Jahre keine einzige Woche ausgeblieben waren, verknüpften Mordechai mit der Heimat und gaben ihm die Gewißheit, daß sich dort nichts geändert hatte — sonst hätte es ihm die Mutter doch geschrieben. Manchmal überkam ihn eine düstere Stimmung, die ihm zuflüsterte, es werde keine Karte mehr kommen, er möge seine Sachen packen und heimfahren; dann litt er, schloß sich in seinen vier Wänden ein, wälzte sich auf dem Boden seines Zimmers und stöhnte qualvoll, fastete einen Tag, zwei Tage, eine Woche lang, bis wieder die gewohnte Karte kam. Jetzt faßte er den Entschluß, der Mutter mitzuteilen, es sei nicht mehr nötig zu schreiben — er fahre heim, um sich den Aufständischen anzuschließen. Tagelang trug er sich mit dieser Absicht, ohne der Schwierigkeiten zu achten. Alles erschien ihm höchst einfach; er hatte ganz und gar vergessen, daß das Gewehr beim Aufstand eine große Rolle spielte. Vor seinen Augen stand nur der Mensch, das Einzelwesen, das Wunder wirkt und den Feind überwältigt. Es klopfte. Kahane trat ein, warf lässig seinen Filzhut auf den Tisch und reichte Mordechai einen Aufruf: „Lies!“ „Wieder ein Aufruf?“ „Ja. In den nächsten Tagen verlassen wir Paris.“ „Wirklich?“ „Wann ist der Aufstand ausgebrochen?“ Mordechai las und hörte sein Herz pochen. „Es steht doch da, am 22. Januar; eine Volksregierung ist bereits gebildet. Russisch- Polen ist in fünf Militärbezirke eingeteilt. Langewitsch kommandiert links von der Weichsel, in den übrigen Teilen Lewandowski und Padlewski, Männer, die ihre letzten Jahre im Kriege verbracht haben. In der Nacht des 22. Januar haben unsere Leute sämtliche russischen Garnisonen überfallen, fast überall erfolgreich. Gestern ist eine Deputation aus Warschau eingetroffen und hat Mieroslawski die Diktatur übertragen.“ Überrascht hielt Mordechai im Lesen inne und stand schweigend, mit offenem Munde, da. „Also, Mordechai, wir reisen,“ Kahane legte seine Hand auf Mordechais Schulter, „vielleicht noch diese Woche!“ „Ich möchte sehr gern mit deiner Abteilung fahren.“ „Du kannst höchstens mit mir fahren. Abteilungen schicken wir nicht fort, alle Grenzen sind voll von russischen Spionen. Wir werden zu zweit, höchstens zu dritt fahren.“ Mordechai hörte kaum, was Kahane sagte; er dachte angestrengt über etwas nach, was ihm nicht klar war, und fragte: „Sind wir wenigstens vorbereitet?“ „Was meinst du?“ „Es war geplant, daß der Aufstand erst in zwei Jahren, frühestens nächstes Jahr ausbrechen solle; und nun so plötzlich...“ „Ach so, das meinst du?“ Wir konnten nicht anders! Hätten wir länger gewartet, so wären wir erwürgt worden! Die Schlinge, die der Russe uns um den Hals geworfen hat, begann sich überall zuzuziehen; wenig fehlte, und wir wären ganz erstickt.“ „Sind wenigstens genug Gewehre gekauft worden?“ unterbrach Mordechai. „Es ist eine Schande, es weiterzuerzählen,“ Kahane dämpfte seine Stimme, „wir haben im ganzen neuntausend Gewehre gekauft. Alle Versuche, die Staatskassen zu berauben, sind mißglückt, die Streitigkeiten zwischen Weißen4 und ,Roten4 haben die Gemüter so in Verwirrung gebracht, daß das Volk ganz aufhörte, Beiträge zu leisten. Weißt du, wieviel wir vor dem Aufstand im ganzen in der Kriegskasse hatten? Rate! Vierhunderttausend polnische Gulden. Ein Fünftel dessen, was dein Onkel Strahl im Vermögen hat!“ „Daran ist einzig und allein Mieroslawski schuld!“ Fortsetzung folgt.