Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 19 (9.5.1930)
- Date
- 1930-05-09
- Page
- Seite 263 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 19 9. Mai 17. Jahrgang Zu Theodor Herzls siebzigstem Geburtstag Die Lorbeeren der Unsterblichkeit Von Prof. Dr. Chaim Weizmann Wenn wir an Theodor Herzls 70. Geburtstag einen Schatten heraufbeschwören, geschieht es nicht, um die Größe seiner Leistung zu messen, oder ihn mit anderen Führern auf dem Gebiete des Gedankens und der Tat zu vergleichen, sondern als Akt der Pietät diesem Manne gegenüber, der in den Augen der Zionisten unvergleichlich dasteht. Diese Einstellung wird nicht vom Wunsche hervorgerufen, einen Kult der Heldenverehrung zu schaffen, sondern es gilt, das Entstehen falscher Vorstellungen über Herzls Wirken zu verhindern. Herzl selbst erzählt, wie er bei seinem ersten Auftreten vor der jüdischen Masse — es war im Whitechapel-Ghetto im Jahre 1896 fühlte, daß die Legende um seine Persönlichkeit sich zu spinnen beginne. Von Natur aus ein echter Aristokrat, fühlte er sich instinktiv zum Volk hingezogen, das ihn vertrauensvoll als seinen Führer ansprach; aber er wußte wenig über die, die bereit waren, ihm zu folgen. Insbesondere die Führer des Londoner „Maccabeaus-Clubs“, die ihn nach seiner festen Überzeugung verstehen sollten und mußten, hatten nicht die geringste Sympathie für seine Idee. Obwohl er von seinen Vorläufern keine Ahnung hatte, drückte er doch intuitiv, wie es kein Mann vor ihm tat, die jahrhundertelange Sehnsucht der Bedrückten aus. So stand der Führer auf, der von seinem Volke, das er zu führen bestimmt war, nichts wußte, und der dennoch in der kurzen Zeitspanne von acht Jahren seines öffentlichen Wirkens den Herzen hunderttausender Juden unvergeßlich wurde. Die Aufgabe, die er unternahm, war des mühevollen Versuches wert. Aber wenn wir unseren Blick 30 Jahre zurückwenden, als neue Ideen in die jüdische Gasse eindrangen, verstehen wir den naiven Glauben an die unbegrenzte Kraft unseres Willens, das von Herzls Genius begonnene Werk zu vollenden. Es würde überflüssig sein, darüber nachzudenken, was Theodor Herzl erreicht haben würde, wenn er angesichts des starren Unwillens der türkischen Regierung in Palästina nicht imstande gewesen wäre, sein Volk vorwärtszuführen. Seine Leistung, die vor aller Welt offen dasteht, zeigt uns, daß er sicherlich nicht stiilgestanden hätte und auch nicht vor heroischen Maßnahmen zurückgeschreckt wäre, um das einmal gesetzte Ziel zu erreichen. Aus diesem Grunde wird man Theodor Herzl in allen Zeiten als einen jener glücklichen Männer des Schicksals ansprechen, die noch in ihrer Todesstunde aus dem scheinbaren Mißlingen sich die Lorbeeren der Unsterblichkeit errungen haben. Die politische Lage nach den Ereignissen in Palästina Ein Vortrag Nachum Goldmanns in Nürnberg Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte die Versammlung in der Landesgewerbeanstalt den nahezu zweistündigen Ausführungen des Herrn Dr. Nachum G o 1 d m a n n über die Folgen der Unruhen vom August 1929 für die jüdische Palästina- Bewegung. Der — zweifellos planmäßig organisierte — Überfall der Araber habe seinen eigentlichen Zweck, die Beseitigung der Balfour-Deklaration und die Erschütterung des jüdischen Aufbauwillens — nicht erreicht. Wohl aber seien durch die Ereignisse vom vorigen Jahr noch einmal alle Probleme des jüdischen Palästinawerkes aufgerollt worden. Diese Probleme lassen sich dreifach gruppieren, und zwar nach ihrer Beziehung zu England, zu den Arabern und zu dem jüdischen Volke selbst. England gegenüber muß man feststellen, daß die Palästinaregierung vollständig versagt hat. Das ist im wesentlichen nicht auf besondere Böswilligkeit einzelner Beamter zurückzuführen, sondern auf die Schwierigkeiten, welche die Verwaltung Palästinas bietet. Der durchschnittliche Kolonialbeamte, wie er bisher in der Palästina-Administration verwendet wurde, ist an eine Eingeborenenbevölkerung gewöhnt, die sich mit den üblichen kolonialen Methoden leicht regieren läßt. Die jüdische Bevölkerung in Palästina, die selbstbewußt und unter Aufbietung von Intelligenz und Einfluß ihre verbrieften Rechte wahrt, empfindet dieser Beamte als unbequem. Daher erklärt sich die negative Einstellung der meisten eng. lischen Beamten in Palästina zum jüdischen Nationalheim. Bisher — und darin liegt die Schuld der englischen Zentralregierung — sei noch niemals ein Beamter wegen dieser Haltung gemaßregelt worden. Jetzt wird darin zum erstenmal eine Änderung eintreten, da mit Sicherheit damit zu rechnen ist, daß der Oberkommissar und sein Stellvertreter, wahrscheinlich auch noch einige andere höhere Beamte der Palästina-Regierung demnächst werden gehen müssen. In Zukunft wird jeder englische Beamte in Palästina wissen, daß er durch Unverständnis gegenüber den Interessen des jüdischen Aufbauwerkes seine eigene Karriere gefährdet. Die englische Zentralregierung hat durch eine von Macdonald im Einverständnis mit den Führern der beiden Oppositionsparteien abgegebene Erklärung entschieden zum Ausdruck gebracht, daß sie an der Balfour-Deklaration festhält, sich also im entscheidenden Punkte durch den zur Reinwaschung der Beamten der Palästinaregierung bestimmten Bericht der Untersuchungskommission nicht beeinflussen läßt. In der Tat sind alle maßgebenden englischen Politiker davon überzeugt, daß die Errichtung des Nationalheims in Palästina im englischen Interesse liegt, wenngleich England bei der Verwirklichung dieser Politik mit Rück-