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Das jüdische Echo · 1930-05-02 · 12 (2.5.1930) Der Aufstand · p. Seite 24

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
12 (2.5.1930) Der Aufstand
Date
1930-05-02
Page
Seite 24 (sequence 2)
Language
German
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24 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 12 mer liegt eine Tüte Krapfen, ich habe sie auf der Straße gekauft, ich denke .. „Im Gegenteil“, versicherte Mordechai eifrig und stellte erstaunt fest, daß er heute von einer Aufmerksamkeit sei wie ein vollendeter Kavalier. Thereses Zimmer, von dem er immer nur ein erleuchtetes Fenster mit heruntergelassenen Jalousien und eine verschlossene Tür gesehen, hatte ihn stets gelockt. Und als ihn jetzt Therese selbst in ihr Zimmer schickte, lief er mit jungenhafter Freude hinaus. Während er jedoch die Türklinke niederdrückte, spürte er einen leichten innerlichen Ärger: „Und wenn schon? ...“ Ohne das weiße Fbmmelbett mit den rosafarbenen Vorhängen hätte man meinen können, in eine Ausstellung von japanischem Nippes geraten zu sein. Ein unbestimmbar feiner Duft, wie er den Briefen einer geliebten Frau anhaftet, umfing ihn... Er nahm die Düte Krapfen vom Tisch, warf noch einen Blick um sich und ging. In den wenigen Augenblicken, da Mordechai abwesend war, hatte Therese Zeit gefunden, sich in Ordnung zu bringen; mit gelassener Grazie, als wäre nichts geschehen, goß sie den Tee ein. Nur die Flecken auf ihren Wangen brannten noch; sonst verriet nichts mehr, daß ihr Gesicht kurz vorher noch voll Falten, ihre Augen leblos gewesen waren. Sie riß die Düte auf. „Bitte, Monsieur, die Krapfen schmecken vorzüglich ...“ Während beide aßen, plauderten sie unaufhörlich. Mordechai war bemüht, Therese vergessen zu lassen, was vorhin geschehen war. Therese lachte viel, und Mordechai verstand, daß Therese gefallen mußte ... Therese war zum ersten Male in ihrem Leben einem Manne begegnet, der gut zu ihr war, ohne dafür etwas zu verlangen. Anfangs machte sie dieses Verhältnis ein wenig ängstlich; sie war nicht sicher, wohin das führen sollte,, und erwartete täglich und stündlich eine Änderung. Und als einige Wochen vergingen, ohne daß sich etwas ereignet hätte, da erwachte in Therese jene blinde Dankbarkeit, die bei Menschen sehr selten, am ehesten bei Hunden edler Rasse zu finden ist, jene treue Ergebenheit, die jeder Gefahr trotzt. Therese merkte, daß Mordechai es ungern sah, wenn sie bei Nacht sich in Kabaretts und Cafes umhertrieb. Er hatte nie ein Wort davon verlauten lassen; doch sie fühlte es, und obwohl es ihr schwer fiel, am Abend zu Hause zu bleiben — waren doch Kabarett und Cafe die einzigen Orte, die ihrem Leben Inhalt gaben und ihr mehr bedeuteten als Tabakrauch für einen ausgehungerten Raucher, da sie in diesen Nachtlokalen ihren Lebensunterhalt verdiente —, so blieb sie dennoch zwei bis dreimal in der Woche daheim. Überdies wollte sie Mordechai nicht zeigen, daß sie es ihm zuliebe tat. Mordechais vernachlässigte Stube, wo schwerfällige Gedanken in Spinngeweben hingen und an grauen Wänden in düsteren Winkeln kauerten, erhielt an diesen Abenden ein ganz anderes Aussehen. Sie schien geradezu über sich erhoben. Therese brachte etwas Weibliches hinein, das die düstere Atmosphäre aufhellte; die schwerfälligen Gedanken wurden beweglich und aus allen Winkeln sah die Grazie einer Frauenhand, die Hand einer Pariserin, die jede Falte ihres Kleides, jede Linie ihres Hutes beseelt; und in allem, was die Hand der Pariserin schafft, ist zu erkennen, daß alle diese Dinge nicht gemacht werden, sondern erdacht, geschaffen in einem Stübchen, während sie träumt, daß heute oder morgen Paris ihr zu Füßen liegt. Ihre ganze Liebe zu Mordechai, von der sie nie zu ihm sprach, legte Therese in sein Zimmer. Sie hatte Felicias Kupferstich, den Mordechai vor seiner Abreise aus Kozk erhalten hatte, in seinem alten Kram aufgestöbert; doch instinktiv spürte sie, daß das keine Schwester von ihm war, und der Stich verschwand. Einmal fand sie Dwojreles Bild und erfuhr von Kahane, das sei Mordechais Mutter; da rahmte sie es in schwarzen Sammet und hängte es in einer Ecke auf; nur ein Lämpchen fehlte, um Dwojrele das Aussehen einer Heiligen zu geben. Das edle Gesicht mit der spitzen Stirnhaube, die Perlenschnur um den Hals, die alabasterweißen Finger der gefalteten Hände — alles atmete ferme Unnahbarkeit. Therese trug das Haar seither äla Dwojrele, und in ihrer neuen Frisur lag so viel Schönheit, daß es keinen Augenblick lang als Spielerei erscheinen konnte. Ihre ganze Haltung hatte eine seltsame Natürlichkeit. Mordechai dagegen suchte immer seltener den Weinkeller oder Bekannte auf. Tagsüber war er von seiner militärischen Ausbildung voll in Anspruch genommen, da er mit Kapitän Vigny in drei Monaten Ploutons „Militärsystem“ durchnahm. Die Mehrzahl der Rekruten waren polnische Studenten, die ihre Studien aufgegeben hatten und täglich den Ausbruch des Aufstandes erwarteten. Fortsetzung folgt.

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