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Das jüdische Echo · 1930-04-25 · 11 (25.4.1930) Der Aufstand · p. Seite 22

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
11 (25.4.1930) Der Aufstand
Date
1930-04-25
Page
Seite 22 (sequence 2)
Language
German
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2 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 11 Eine Schar erschreckter Tauben flatterte so nahe an dem Fenster vorüber, daß das Wehen ihrer Flügel Molchos strahlendes Antlitz kühlte. „Es gibt keine größere Freude, als für Gott zu sterben!“ Der greise Kardinal umarmte ihn: „Gedenke meiner!“ Der Wärter, der durch den offenen Türspalt blickte und von dort den neugierigen Gehilfen mit Worten und Zeichen weitergab, was vorging, brachte plötzlich starr vor Staunen die Kunde, der Kardinal habe den verfluchten Hexenmeister geküßt. Die Neuigkeit verbreitete sich rasch im Gefängnisgang und flog bald durch die Menge, 4ie draußen wartete. Ein Unbekannter mit runzligem, bartlosem Gesicht, die nackten Füße schwarz wie die Erde, wuchs plötzlich, auf einigen Schultern getragen, aus der Menge empor. Als es rings um ihn still wurde, wies der Fremde auf das Feuer, welches auf dem Markte loderte: „Und ihr Narren meint, Gottes Bote werde verbrennen? Seinen Schatten, des Boten Schatten, werdet ihr dem Feuer übergeben! Er selbst aber wird hierbleiben, er ist hier unter euch. Sein Wort, Gottes Wort, das sich vor König und Papst nicht beugt, trägt unter euch der gottesfürchtige Martin. Sorget lieber dafür, daß die Stadtkrüppel beim Gefängnistor sitzen können! Wenn er sie nur berührt, werden die Blinden wieder sehen, werden die Fahmen wieder gehen!“ „Wird er wirklich nicht verbrennen?“ fragte einer. „Wenn man sich mit Salamanderblut einreibt, ist man gefeit gegen Feuer!“ rief ein anderer. „Wo gibt es Salamanderblut?“ „Beim alten Bader, der mit seinen Kräutern bei der Kapelle steht.“ „Liebe Leute, machet Platz!“ „Machet Platz einem armen Krüppel!“ Von allen Seiten drängten sie sich zum Gefängnis und setzten sich an das eisengeschmiedete Tor. Der entblößte seinen Arm, jener sein Bein; so hielten sie ihre zerfressenen Knochen bereit. Das Tor ging auf. Die Krüppel stürzten zum Eingang. Ihnen nach mit Geschrei die übrige Menge, die bereit schien, das mächtige Gebäude zu stürmen. Auf der Treppe stand Molcho. Die Menge wich zurück, wogte wie eine finstere Wolke, stand einen Augenblick lang unentschlossen zwischen Tor und Mauer hängend; mit einem Male teilte sich die Masse von selbst in zwei Hälften, schuf Raum für Molcho. In Ketten, ein Schloß vor dem Munde, schritt Molcho langsam die Treppe herab, ihm folgten mit frommen Mienen feiste Mönche. „Heiliger, erbarm4 dich unser!“ „Erlöser!“ / Blinde streckten dürre Arme aus zu kurzen Ärmeln, Lahme entblößten ihre steifen Beine, Mütter drängten sich mit ihren verkrüppelten Kindern vor und flehten zu Molcho: „Verwende dich für uns beim Heiligen Cyrillus, dem Beschützer der Krüppel, daß er uns helfe!“ In seinen Mantel gehüllt, blickte Molcho geradeaus. Er wurde hingerissen von der großen Freude, die in ihm quoll und ihm entgegenströmte aus den engen, holprigen Gassen und den dicht mit Krüppeln besetzten Torbogen. Die Freude machte ihn schmaler, schlanker; sie löste von ihm, während er dahinschritt, Hülle um Hülle, und der Leib — ein blaues Flämmchen um die Seele — erhob sich hoch über die Menschenmenge, spürte nicht mehr die klirrenden Ketten an den Füßen. Die Hände, seine weißen, edlen Hände, streckten sich dem frischen Morgen, dem Opferaltar entgegen, der vor Molchos Augen schwebte, scheuchten mit den blauen Flammen das Böse aus der Welt und wurden eins mit den Flammen, die auf dem Marktplatze lodernd seiner, Molchos, harrten... Therese Als Mordechai die Feder niederlegte, graute bereits der Morgen. Er blieb am Tische sitzen und konnte sich nicht von den beschriebenen Seiten losreißen, die durch ihn, Mordechai, atmeten, lebten. Das Leben, das sich in diesen Blättern formte, war ein Sandkörnchen in der Unendlichkeit ringsum. Ein Sandkörnchen also war Mordechais ganze Macht. Und die Unendlichkeit, die unbezwungen geblieben, stürmte von allen Seiten auf ihn ein. Seine Ohnmacht kam ihm zum Bewußtsein, er schob die Blätter beiseite. Im Korridor ging eine Tür. Mordechai sagte sich, daß Mademoiselle Therese eben heimgekommen wäre. Er hörte, wie jemand jenseits der Wand hin und her ging; dann wurde es wieder still. Halb angezogen legte sich Mordechai aufs Bett und schlief sofort ein. Fortsetzung folgt.

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