Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 11 (25.4.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-04-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER AUFSTAND VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 10. Fortsetzung Molcho durchschritt nicht mehr mit verschlossenen Augen seine Zelle — die Kraft, die den Raum besiegt, schob die Wände auseinander und machte ihn frei. Der heiligen Buchstaben und Zahlen verborgene Weisheit ward ihm wieder offenbar, ließ ihn ganze Welten auf bauen, und über ihnen stand er, Molcho, flocht und band die geheimen Kräfte, strahlte Gottes Geist aus, redete Gottes Wort, und alles, was sein Atem streifte, erhielt Leben... Verrostete Schlösser knirschten. Der Hall schwerer Tritte trug das Klirren von Ketten herbei; es kam von oben, von unten, von allen Seiten. Molcho hob den Kopf; es war ihm, als würde irgendwo eine Tür geöffnet. Die finstere Zelle, die enger geworden schien, nahm ihm den Ausblick. Die Schwäche zwang ihn, sich auf die Pritsche zu setzen. Er blickte auf die Buchstaben und Zahlen, die entseelt zu seinen Füßen lagen, blickte auf sie wie auf unreine Geister. Er sprang auf, stieß einen Schrei aus, der vierfach aus den Winkeln widerhallte, und barg das Antlitz an den feuchten Wänden wie ein Kind vor einer Mißgestalt sein Gesicht in den Kissen verbirgt; mit ausgebreiteten Armen scheuchte er die Versuchung von sich: „Gott, verlaß mich nicht!“ Ein Schlüssel drehte sich zweimal im Schloß. In der offenen Tür stand ein Kardinal im roten Mantel, eine Bibel in der Linken. Molcho erhob sich. Sein vergrämtes Antlitz wurde heiter. Seine Aygen richteten sich mit Ehrfurcht auf den Kardinal. „Weißt du,Diogo Pires, was dich erwartet?“ „Ich weiß es, Kardinal.“ „Ich komme im Namen des Königs, Diogo Pires. Gestern noch befahl der König, dich zir verbrennen. Mit schwerer Mühe habe ich von ihm dein Leben erfleht. Ich tat es dem Heiligen Vater in Rom zuliebe, denn ich weiß, Papst Clemens VII. würde dein Tod schmerzen. Er will deinen Tod nicht, er hofft, du werdest Buße tun, wieder Christ werden. Tue es unserem Vater zuliebe, tue es unserem Herrn Jesu zuliebe, der den Tod erlitten um unserer Sünden willen — um unserer aller Sünden willen... Tu Buße, und er wird dir verzeihen!“ „Wir Juden nehmen Jesu Opfer nicht an, wir haben unser eigenes.“ „Wen?“ „Unser Opfer ist Isaak.“ „Isaak hat den Tod am Opferaltar nicht erlitten“, unterbrach der Kardinal. „Der Mensch ist sündig,“ fuhr Molcho unbeirrt fort, „er watete bis zu den Knöcheln in Blut, und wenn der Gerechte sich nicht opfert, wird der Sündige umkommen.“ „Wahr, Diogo Pires, wahr! So muß jeder gläubige Christ sprechen.“ „So spricht ein Jude!“ Leicht faßte er den Kardinal an der Hand und führte ihn zum Fenster. Eine ungeheure Menge, mit Kirchenfahnen in Händen, staute sich vor dem Gefängnis. Zerlumpte, halbnackte Gestalten, mit gierigen Augen und gemeinen Gesichtern schoben sich anmaßend und ängstlich zugleich durch die Menge, lauerten in den Winkeln des Platzes zu Rudeln wie herrenlose Hunde bei den Fleischbänken, und scheuchten die Tauben auf, welche bei der Gefängniskapelle gurrten. Bettler knieten bei der halbverfallenen Kapelle und küßten die Steinmauern, aus denen Heilige, den Bettlern ähnlich, hervortraten. Bei dem einen Heiligen war der Kopf schon zerbröckelt, bei dem anderen die Füße; die Schlange strebte zum Apfel, doch wo Eva einst gestanden hatte, klaffte eine graue Lücke, in der ein Bettler seinen Sack öffnete. „Für die, für dieses Gesindel willst du dich opfern?“ Der Kardinal deutete auf die Menge. Molcho schwieg; nur seine Augen blickten leidvoll auf den Kardinal, und in dem Leid dieses Blickes lag so viel Nichtbeachtung für alles, was ihn umgab, daß der Kardinal zurückwich und in der Luft das Zeichen des Kreuzes schlug: „Gott sei mit dir!“