Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 10 (18.4.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-04-18
- Page
- Seite 20 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Safed 1× ep/1046078
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20 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 10 Geschrei das Gefängnis stürmte. Gelassen bot ich mich ihnen; denn dein Wort, Gottes Wort, loderte in mir wie ein Feuer. Die Menge erbrach das Tor, griff nach meinem Mantel; unbekleidet schritt ich weiter, bis an die Knöchel im Blut, und deine Stimme o Herr, sie lohte in mir: ,Wehe der sündigen Stadt! Wehe der sündigen Stadt!' Verlaß mich nicht, o Gott, sei mit mir, wie du mit Simson warst, als die Feinde ihm die Augen ausstachen.“ Eine leuchtende Säule führte ihn über Berg und Tal... Ein Mädchen in buntem Gewände rief: „Der Messias kommt, der Messias kommt! Ich kann nicht mehr warten!“ „Was machst du allein in den Bergen, Deborah?“ „Ich warte auf den Messias, Salomo, auf dich warte ich!“ „Er wird kommen, du meine Braut, er wird mit dir sein!“ „Es dauert so lange ...“ „Mehr Zuversicht, Deborah!“ „Ein Opfer? Ich habe Angst...“ „Keine Angst, Deborah! Oh, daß Gott mich erwählte! Doch er hat Würdigere... Rabbi Joseph Caro — ganz Safed ist würdiger.“ „So komme näher, mein Bräutigam, spüle ab den schweren Weg von deinen müden Füßen.“ Die Eisentür der Zelle öffnete sich, ließ eine gebückte Gestalt ein und schloß sich wieder; in dem enger gewordenen Raum standen Worte: „Nur noch fünf Minuten!“ Der Fremde zog eine Laterne unter seinem Mantel hervor und richtete sie nach allen Seiten, bis ihr Schein wie ein böser Blick auf Molcho fiel. Molcho erhob sich. Jetzt erst gewahrte ihn der Fremde, trat auf ihn zu. und reichte ihm ein Bündel. „Ziehet Euch um, Rabbi Salomo Molcho, sofort! Wir haben nur gezählte Augenblicke! Beim Tor erwarten Euch Wagen und Pferde!“ „Ich werde nicht fliehen, Rabbi Josselmann!“ „Sie werden Euch verbrennen!“ „Salomo wurde schon mehr als einmal verbrannt und doch spricht er mit Euch!“ „Der König ist grausam!“ „Die römischen Inquisitoren sind es nicht minder!“ „Mit Euerer Ankunft in Regensburg habt Ihr die Lage der Juden verschlimmert!“ „Es muß wohl so sein, Rabbi Josselmann!“ „In wessen Namen sprechet Ihr so?“ „Im Namen Gottes.“ „Euer Verhalten bringt uns alle in Gefahr!4" „Und Ihr schiebet die Erlösung hinaus, Rabbi Josselmann!“ „Das wissen wir nicht!“ „Ich sage es Euch. Euer Tun stärkt die Zwingherrschaft. Die Verführung des Goldenen Kalbes spricht aus Euch. Welchen Wert hat Euer Leben, das Leben eines Knechtes, da sein Herr im Exil ist?“ „Womit könnt Ihr mir bezeugen, daß Ihr von Gott geschickt seid, Rabbi Salomo?4' „Noch heute, noch an diesem Morgen werdet Ihr es sehen, Rabbi Josselmann.“ „Ich kann nicht länger bleiben, die Gefahr ist zu groß, der König hat mich aus der Stadt gewiesen.44 „Einem Heilsboten geschieht nicht Leides.44 „Gott sei mit Euch, Rabbi Salomo!“ Schwer ging die Tür in den Angeln und schied die beiden Männer. Lange schaute Molcho auf die Stelle, wo Josselmann, dessen Schritte er jetzt in der Stille des Gefängnisganges verhallen hörte, gestanden hatte. Das Fenster der Zelle erzitterte leicht. Ein Wagen rollte vorüber. Es wurde noch stiller als zuvor. Die Morgendämmerung warf den Schatten des Fenstergitters auf die gegenüberliegende Wand. Ein Vöglein verfing sich in den Eisenstäben. Molcho versuchte es zu fangen. Langsam führte er die hohlen Hände gegeneinander und schlug sie rasch zusammen; doch sie blieben leer. Die Alltagsstimmung übermannte ihn. Er bedauerte, die Gelegenheit zur Rettung nicht genutzt zu haben. Und die Zelle, auf deren Wänden und Fliesen der Morgen lag, schien Molcho jetzt dunkler als bei Nacht. Der Hunger quälte ihn und verscheuchte Gottes Wort. Sein ganzes Leben tanzte vor seinen Augen wie ein Staubkörnchen und höhnte ihn, daß er, der so stolz war auf die Kraft des Gedankens, mit seinem Leib nicht einmal des Hungers Herr werden konnte. Er rannte gegen die Wände und gegen die Bretter der Pritsche an, krümmte sich wieein Wurm und sah, wie das Böse herankroch; da sprang er auf, packte es an der Gurgel und schrie ihm ins Gesicht: „Lüge! Lüge! Der Leib kann alles überwinden, alles! Es muß nur Gott im Herzen wohnen!“ (Fortsetzung folgt.)