Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 9 (11.4.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-04-11
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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18 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 9 Hausherr wünscht, daß sie auszieht; Sie hätten sehen sollen, wie sie ihm schöne Augen gemacht hat!“ „Zahlt sie ihm denn nicht ihre Miete?“ „Das sollte sie auch nicht? Ich habe dem Hausherrn gesagt, daß ich keine Strichmamsell im Hause will, die bei Tag schläft und die ganzen Nächte ausbleibt... Und so etwas nennt sich Katholikin! ... Rührt keinen Finger und hat das Zimmer voll von Parfüm und Puder; und diese Kleider! Samt und Seide, wie reicher Leute Kind... Wir wissen ja, Monsieur, wo solche Nachtvögel es hernehmen, wir wissen das!... „Sie haben mir doch selbst gesagt, daß Mademoiselle Therese in einem Vaudevilltheater auftritt?!“ „Glauben Sie wirklich, Monsieur, eine ordentliche Katholikin würde in einem Vaudeville singen und sich den Männern in kurzen, durchsichtigen Kleidchen zeigen? Doch die Männer sind nicht wählerisch, ihnen genügt eine Therese, daß sie alle durch die Bank den Kopf verlieren! Aber ich werde es durchsetzen, daß sie nicht weiter hier wohnt! Habe ich nicht recht, Monsieur? Den ganzen Tag trällert sie, mein Michel singt schon ihre Gassenhauer nach.“ „Aber, Madame, das ist doch nichts Schlimmes!“ warf Mordechai ein. „Therese ist ein armes Mädchen, und da sie jung ist, singt sie...“ „Und wenn der Herr meint, ich wäre alt, so irrt er sich gewaltig!“ bei diesen Worten faßte die Portierfrau Mordechai wie zufällig an der Hand. „Wenn wir im Taufregister nachsehen würden, ich weiß nicht, ob Therese nicht älter ist als ich! Aber natürlich... so ein Ding hat ja keine Gottesfurcht, trägt ein Kleidchen bis zu den Knöcheln, schminkt und pudert sich... und das Haar, glaubt der Herr wirklich, daß das ihr Haar ist?... Doch ich sehe, Monsieur wollen in Ihr Zimmer; gut, ich werde die Laterne anzünden und Sie hinaufbegleiten ...“ „Besten Dank, Madame, ich finde auch im Dunkeln den Weg, bemühen Sie sich nicht!... Gute Nacht, Madame!...“ „Sie haben für nichts zu danken, Monsieur ... Gute Nacht! ...“ Mordechai lief hastig über die steile Wendeltreppe und nahm zwei und drei Stufen auf einmal, als wäre ihn jemand auf den Fersen. Er tastete sich in sein kleines Zimmer, ließ sich auf den einzigen Stuhl nieder, der vor dem Tische stand, und wollte die Melodie wiederfinden, die auf dem Heimwege in ihm getönt hatte. Doch je stärker sein Verlangen wurde, sich von dem inneren Druck, der in ihm wuchs, zu befreien, desto undeutlicher wurde der Gesang, bis er ihm ganz entglitt... Endlich entzündete er eine Kerze, nahm ein Heft und begann zu schreiben. 0 p f e r t o d Schwarz vom Alter und vom Regen erhob sich das Gefängnis über der Stadt wie ein geballtes Stück Nacht. Der Schall, der über dem Marktplatz und über den Gassen lag, drang nicht bis zum Gefängnis, und die Töne, die sich hin verirrten, zerschellten an den Mauerfriesen und unbehauenen Quadern der Vorsprünge. Zwischen den feuchten Mauern wehte die kühle Stille ausgeschöpfter Brunnen, immer kühler, je weiter die Wendeltreppe nach unten führte. Im Innern einer Zelle hing der dünne Faden einer bläulichen Flamme und trieb die Finsternis unter die Pritsche und in die Ecken. Die kleine Flamme schwebte zwischen den festgemauerten Steinen, irrlichterte hin und her und brachte verborgene Kräfte zum Schmelzen, die voller Sehnsucht nach dem Wort ihrer Stunde harrten. Der Gedanke kann nicht leben, wenn er nackt und bloß ist, und sein Licht, Gottes Licht, nicht bewahren kann; er sehnt sich nach seiner Hülle, nach dem Wort. Er gibt sich dem Menschen hin, hilft ihm Welten bauen, bewirkt, daß der Mensch mit seiner, des Gedankens, Hilfe Gott ähnle, sich mit Gott messe. Auf der Pritsche schlief Salomo Molcho, das Antlitz gen Osten. Sein Atem ging leichter als der eines. Kindes, und um die geschlossenen Augen lagen Leid und Freude vereint... Plötzlich von einer alles durchdringenden Helle erfaßt, die ihn über seinen Umkreis emporhob und ihn in seine Welt versetzte, deren Widerschein der Quell aller lebenden Geschöpfe ist, erblickte Molcho eine Gestalt, hörte eine Stimme und verneigte sich: „Sprich, Herr, Dein Knecht hört Dich!“ Molchos „Maggid“ stand ihm zu Häupten, hoch und strahlend, streckte er ihm aus weiten Ärmeln schmale, edle Hände entgegen ... Auf den Opfersteinen aber lag gefesselt Isaak, Abrahams Sohn. Ein Gefühl der Sicherheit, wie sie ein Kind hat, das träumt, die Mutter stehe neben ihm und führe es in unbekannte Fernen, erfüllte Molcho. Fortsetzung folgt.