Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 9 (11.4.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-04-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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f , \ ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER AUFSTAND VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 8. Fortsetzung Und als die Polizisten vorüber waren, zerstreuten sich die Mädchen lachend über den Boulevard, warfen Mordechai Kußhände zu und liefen zu einer Kirche, deren offener Eingang im glimmenden Schein eines Öllämpchens düsterte. An der Pforte umringten die Mädchen einen langhaarigen Mann, eine Figur, die soeben aus einer der staubigen Nischen herabgestiegen zu sein schien. Mordechai kannte die Gestalt; es war Norwid. „Wer bist du, Langhaar?“ „Er ist ein Dichter!“ „Oh nein, sicher ein Maler!“ „Ich bin ein Christ!“ sprach Norwid freundlich. „Er ist ein Prophet!“ „Komm mit mir, Prophet!*4 rief eins der Mädchen und faßte ihn unter. „Nein, komm’ mit mir!“ Die Mädchen streichelten sein langes Flaar und lachten, als er sie bat: „Kinder, ich bitte euch, raucht nicht in Gottes Haus!“ „Wirst du mit uns gehen?“ „Ich will alles tun, Kinder, nur raucht nicht!“ „Ich gehorche“, eine warf ihre Zigarette in weitem Bogen fort und trat wie eine folgsame Schülerin vor Norwid hin. „Ich auch!“ „Gut, gut! Jetzt aber wollen wir niederknien, Kinder; wir sind allesamt Sünder, alle!“ Die Mädchen, die den fremden Mann umringten, fielen eine nach der anderen vor dem steinernen Tor auf die Knie und bekreuzigten sich wie der Unbekannte. „Wieviel verdient jede von euch?“ fragte Norwid. „Wie sich’s gerade trifft!“ „Wenn ich euch alles gebe, was ich habe, und euch bitte — geht nach Hause und laßt die Straße für heute, werdet ihr es tun?“ Lautes Gelächter. „Ich habe dreißig Franken, Kinder.“ „Da bist du ja selber ein armer Teufel!“ „Ich? Ich bin reich, Kinder!“ „Warum gibst du uns dann so wenig?“ „Nicht Geld macht reich, Kinder, nicht Geld!“ Die Mädchen erhoben sich, schwirrten wie Vögelchen um Norwid, teilten das Geld und tuschelten. Mordechai blickte den kleinen gepuderten Mädchen nach, die über den Boulevard liefen; er schaute dem langhaarigen Norwid nach... Etwas Rauhes löste sich in ihm; er war nicht mehr allein... Hastig ging er weiter und merkte nicht, daß er an seinem Hause vorüberlief. Die Concierge, die vor dem Haustor saß und in ihrem losen schwarzen Kleid mit dem Dunkel der Tür verfloß, rief ihm nach: „Monsieur Alter!“ Er wandte sich um, fand sich jetzt erst zurecht und grüßte lächelnd: „Guten Abend, Madame!“ „Wohin geht der Herr so spät?“ „Ich war in Gedanken und habe gar nicht bemerkt, daß ich an meiner Wohnung vorübergehe.“ „Gott sei Dank, ich habe keine Zeit zum Nachdenken, Monsieur! Wenn ich ab und zu mal einen Blick in meines Mannes Bibel werfe, tanzen mir bald die Buchstaben vor den Augen, und ich schlafe sofort ein. Es ist wohl nicht jeder Kopf zum Denken geschaffen, Monsieur. Mein Mann liest jetzt jeden Tag vor dem Einschlafen die Bibel, und wenn er einschlummert, beginnt er zu erzählen, was er gelesen hat... Ich habe schier Angst, neben ihm zu liegen! Er kann noch einmal den Verstand verlieren!... Ich sage ihm, du bist doch kein Pfarrer! Für einen Portier genügt es, wenn er Sonntags die Bibel liest!“ Mordechai wollte von der redseligen Portierfrau loskommen; doch wie er sich auch wandte, um in den Hausflur zu schlüpfen, überall verstellte sie ihm mit ihrem breiten Kleid den Weg und wurde nicht müde, ihm von den Hausbewohnern zu erzählen. Um ihren Redestrom zu dämmen, fragte er: „Ist ein Brief für mich da?“ „Nein, Herr Alter!“ Sie stand auf, stemmte die Hände in die Hüften und maß Mordechai mit ihren katzengrünen Augen. „Es war nur ein Brief für Mademoiselle Therese da. Der