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Das jüdische Echo · 1930-04-04 · 8 (4.4.1930) Der Aufstand · p. Seite 16

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
8 (4.4.1930) Der Aufstand
Date
1930-04-04
Page
Seite 16 (sequence 2)
Language
German
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16 Romanbeilage des „Jüdischen Echos** Nr. 8 desto lieber wurden ihm die Straßen, ln den kühlen Nächten, da es zu kalt war, auf den Treppen zu schlafen, wanderte er von Gasse zu Gasse; er lernte einen Polizisten am Schritt erkennen, vermochte nach dem Geruch zu unterscheiden, ob ein Bäcker Feinbrot oder Semmeln buk, und wußte bald genau, zu welcher Stunde am Morgen jeder Laden geöffnet wurde. Seine Gedanken beschäftigten sich mit den Pariser Nächten. Einsam durchziehst du eine stumme Welt von Häusern und Schatten, durchwanderst die Stadt, an den Türmen von Notre-Dame vorüber, an der Kuppel des Pantheons, am Schloß. Die stummen Steine erzählen von Ludwig IX., der den Befehl gab, sämtliche Talmudexemplare in Frankreich zu sammeln und sie auf dem Platze, wo du, Mordechai, jetzt stehst, zu verbrennen. Um die Gebäude schleichen Schatten. Mordechai sieht sich um, ob wirklich die Dominikaner aus dem Schlosse treten. Niemand ist zu sehen. Die Wachtposten schreiten gemessen mit geschultertem Gewehr auf und ab, die alten Bäume schaukeln ächzend ihre nackten Äste, und zwischen den Flügeln des Schlosses tönt ein leises Pfeifen; geben die stummen Steine, die um alles wissen und zu allem schweigen, ein geheimes Warnungszeichen?... Eine kleine Tür öffnet sich; der Täufling Dunin tritt heraus, hinter ihm ein Zug Dominikaner. Der Täufling besiegt den letzten der Talmuderklärer, den eisgrauen Reb Jechiel. Aus dem Dunkel der Mauern kommen blutüberströmt Juden gelaufen und schreien mit Stimmen, die nichts Menschliches mehr haben. Mit wilder Freude jagt der Mob ihnen nach und zwingt sie zuzusehen, wie die Talmudbücher verbrannt werden. Auf demselben Platze, wo die Feinde des Maimonides seinen „Führer der Irrenden“ verbrennen ließen, wo die Asche des Autodafes noch glühte — dort gehen Tausende von Talmudfolianten im Feuer auf, die glühenden Buchstaben hüllen die Stadt in Flammen und klagen — das ist die Thora und das ist ihr Lohn! Sie können nicht ertragen, wie Gottes Wort geschändet wird, und wollen die Stadt vom Erdboden tilgen; da ertönt eine Himmelsstimme: Das ist meine Vergeltung an meinen Kindern, Maß für Maß! Nicht um euretwillen werden ich das Haus Israel bauen, sondern um meines heiligen Namens willen, den ihr schändet, wohin euer Fuß tritt! Und in die Himmelsstimme, in das Schreien dringt der Singsang der Jeschiwah, wo der eisgraue Reb Jechiel mit seinen vielen hundert Schülern den Talmud studiert, auswendig, ohne Bücher, das heilige Feuer nährend für die folgenden Geschlechter. Die mächtigen alten Bauten sind seit Jahrhunderten mit Blut vollgesogen, bergen in sich den Jammer der gemarterten Juden ... Von der Seine her tönte ein langer, heiserer Schrei, ähnlich dem einer Möwe. Mordechai beschleunigte seine Schritte; er merkte, daß die Vorübergehenden ihm ängstlich auswichen — und er hatte doch so starke, tiefe Sehnsucht nach einem Menschen! Seine Schritte versanken in der Finsternis. Es wurde so still, als hätte der letzte Mensch, dem Mordechai begegnet war, ihn ganz allein in der Riesenstadt eingeschlossen. Wo bin ich? Was tue ich hier? Ich streife umher zwischen Schatten, mache beschwörende Gesten und meine, Menschen vor mir zu sehen, mit ihnen zu sprechen, ihnen Befehle zu geben. Die hunderttausend stummen Häuser mit ihren Schatten, was wissen sie von mir? Wer braucht mich? Niemand! Niemand! ... Aus der Finsternis tauchte das tränenbetaute Gesicht seiner Mutter: Sohn, kehre heim und tue Buße! Und über allem schwebte Felicias’ strahlendes Antlitz wie eine glühende Sonne über einer niedergemetzelten Stadt... Mordechai zitterte und biß sich die Lippen wund. Eisige Kälte durchfuhr ihn, und er fror bis ins Mark. Nur wenn er einem von seinesgleichen begegnete, auch wenn er ihn zum ersten Male traf, da wurde ihm warm, als sähe er einen alten Bekannten. Tabak und Essen wurden geteilt, man schüttete einander das Herz aus und schied wieder... In einer solchen Nacht hatte Mordechai Cecile getroffen, ein krankes Mädchen mit schmalen Kinderschultern. Wo sie wohl jetzt sein mochte? ... Eine Polizeipatrouille schlich vorsichtig aus einer Seitengasse und verteilte sich im Halbkreis über die Boulevards. Eine wilde Jagd begann. Von allen Seiten kamen Straßenmädchen gelaufen, denen es nicht gestattet war, nach zwölf Uhr ohne männliche Begleitung spazierenzugehen, und suchten Schutz vor der drohenden Gefahr. Ehe sich’s Mordechai versah, umringten ihn einige Mädchen, faßten ihn einfach unter, schmiegten sich an ihn und baten, er möge ihnen helfen und dem Polizisten, wenn er sie anhielte, sagen, sie seien Bekannte, oh, der Herr ist so gut, mon eher! Fortsetzung folgt.

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