Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 8 (4.4.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-04-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9103085-9229986--10755-9222827- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER AUFSTAND VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 7. Fortsetzung „Für wen soll ich eigentlich kämpfen, Panie Alter? Für Sikorski oder für Wroblewski? Sie quälen mich bis aufs Blut, bis aufs Blut quälen sie mich! Gestern erst, wie ich nach Hause komme — ich wohne ja im Emigrantenheim — da steht Wein auf dem Tisch, Wurst daneben, und man macht sich einen guten Tag... Sie haben mich eingeladen. Ablehnen, das geht nicht, schließlich sind es ja doch Hausnachbarn! Ohnehin reden sie immer: die Juden schämen sich unser! So nehme ich ein Glas Wein, esse dazu ein Stück Wurst und der Magen dreht sich mir schier um! Ich bin nicht fromm, Panie Alter, aber Schwein bleibt Schwein, selbst in Paris! Und wie die Gojim voll waren, da haben sie sich sofort an mich gemacht, mich gezwungen ,Mah-jufeß‘ zu singen... Kurz, es ging so weit, daß Sikorski und Wroblewski mit geladenem Revolver auf mich losgegangen sind und mich gezwungen haben — es ist eine Schande es zu sagen — mich gezwungen haben, ihnen von meiner Hochzeit zu erzählen, Sie wissen ja, was ich meine... In ihren trunkenen Augen sah ich, daß mein Leben an einem Haar hing, daß die Mörder jeden Augenblick schießen konnten; so erzählte ich natürlich die tollsten Dinge. Und mußte Zusehen, wie die Trunkenbolde beinahe erstickten vor Lachen. Da überkam mich plötzlich so ein so unsägliches Elend, und ich schluchzte wie ein Kind. Mitten in der Nacht rannte ich auf die Straße und schwor mir zu, mein Fuß würde nie wieder dieses Flaus betreten... Nun,FlerrAlter,“ — auf Blums Lippen stand leichter Schaum — „soll ich heimfahren, um zu kämpfen?“ Mordechai antwortete nicht sogleich. Ein Schleier riß vor seinem inneren Auge; er sah: die Häßlichkeit aus Blums Gesicht war verschwunden, hatten sich in den Falten des Gesichtes versteckt, und aus den Augen leuchtete der „göttliche Funke“. „Nicht alle Polen sind so, Blum!“ „Alle!“ kein Geld! Ich war ja glücklich, daß sie mich aufgenommen haben! Jetzt aber darf mein Fuß ihre Schwelle nicht mehr betreten. Hätte ich einen Franken, so würde ich im Weinkeller übernachten...“ Mordechai gab ihm den Franken; er sah, wie die Häßlichkeit wieder aus den Falten hervorkroch, sich über das Gesicht breitete und den „Funken“ in den Augen verlöschte; eine Jammergestalt verschwand in der Dunkelheit. Eine Kirchturmuhr schlug Zwölf. Die Nacht zog Mordechai in ihren Bann; er wollte in ihr untertauchen, fern den Menschen, dort, wo die Welt weit und frei, so frei, daß die Liebe zum Gefährten erwacht... Pariser Nächte Mordechai überquerte die Place du Marche; tiefe Stille wie auf dem Dorf umfing ihn. Bei St. Catherine kamen ihm ein älterer Mann und ein junges Mädchen entgegen; der Mann hob das Mädchen wie ein Kind auf seine Arme und verschwand mit ihr in einem Hausflur. Mordechai sah dem Paare nach und betrachtete das schmale, farblose Haus, das wie von Regen und Rauch vollgesogen aussah. Auf der roten, rauchgeschwärzten Laterne über dem Eingang las er „Hotel cöte d’or“ und übersetzte sich: „Goldküste“. Er kam auf den Boulevard St. Germain. Pärchen wandelten auf und ab, als hätte der Abend erst begonnen. In Mordechai erwuchs ein neugieriges Interesse an den Menschen, die da spazierengingen. Während er das Lächeln einer Frau auffing, wunderte er sich, daß er sich unter Bekannten stets unbehaglich, unter Fremden aber wohlfühlte, und in der letzten Zeit am liebsten allein war. Er atmete das nächtliche Rauschen ein, das von den Boulevards, von den dunklen Gassen und den noch dunkleren Kirchen drang, und war überzeugt, die stummen Gotteshäuser, deren Turmspitzen in die Wolken reichten, führten nächtlicherweile Zwiesprache in ihrer Zunge. Bei solchen Wanderungen horchte Mordechai dem Takt eines inneren Rhythmus, der in Je mehr er in Paris umherstreifte, „Nicht alle, nein! Und mit solchen Säufern dürfen Sie nicht wohnen!“ „Wo soll ich denn wohnen? Ich habe doch ihm sang.