Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 7 (28.3.1930) Der Aufstand
- Date
- 1930-03-28
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 7 nem Schüler Kahane zufrieden, lächelnd ein. „Nicht bloß die Juden Polens, die Juden der ganzen Welt sollten die ersten sein, die an der Befreiung Polens mithelfen!“ Sibylle beugte sich zu Heß hinüber: „Weißt du schon, Moses, Herr Alter fährt nach Polen, um sich dem Aufstand anzuschließen.“ Väterlich legte Heß seine Hand auf Mordechais Schulter; „Wann fahren Sie, Herr Alter?“ „Im Augenblick, wo ich gerufen werde!“ „Ich beneide Sie, wahrhaftig! Mehr als ein Vierteljahrhundert wandere ich durch Europa, agitiere für die Befreiung unterdrückter Völker und bleibe doch stets seitwärts; so war es in der deutschen Revolution, so bei der ungarischen und in der italienischen Erhebung. Ich komme allmählich zur Überzeugung, daß wir gar keine Revolutionäre sind. Offenbar besteht ein großer Unterschied zwischen einem Unterdrückten, das heißt einem Menschen aus der Masse, in dem die Not den Freiheitsdrang weckt, und zwischen einem Intelligenzler, der zumeist aus dem Lager des Feindes kommt und zur Sache der Freiheit stößt, weil sein Verstand es ihm gebietet, daher denn auch so viele Phrase und so wenig Tat.“ „Und ich,“ Sybilles schmale Lippen kräuselten sich, „ich bin der Ansicht, daß du, der nie an einem Aufstand teilgenommen hat, genau so wichtig bist wie Kossuth oder Garibaldi ...“ „Gut, daß wenigstens du zu mir hältst, Sibylle“, erwiderte Heß. Zwei Polen näherten sich dem Tische und riefen Lubliner beiseite; er folgte ihnen gern, denn er stand die ganze Zeit hilflos da und konnte die junge Generation nicht begreifen. Blum schlich ihm nach. * Sibylle erhob sich. Mordechai half ihr in den Mantel. Sie wandte sich an Kahane: „Bringen Sie Herrn Alter mit!“ „Gern, Madame!“... Ohne sich zu verabschieden, war Mordechai fortgegangen. Er schritt am Pantheon und an St. Etienne vorüber, ließ das Viertel „La petite Pologne“ hinter sich und fand sich bald in einer stillen Gegend an der Seine. Es war stockfinster. Der Himmel, an dem man nur da und dort einen Stern sah, hing niedrig. Abgerissene Stücke eines Fischerliedes schwangen kurze Zeit in der Luft und wurden bald vom Rauschen des Wassers verschlungen, das glucksend an die feuchtkalten Kaimauern schlug. Mordechai lehnte sich an die steinerne Uferbalustrade, er starrte vor sich hin... ein, zwei Sekunden, länger als eine Minute. Er schaute hinüber in die Dunkelheit, in die konturloisen Schatten, und vor seinen Augen dehnte sich ein riesiger Raum ohne Anfang, ohne Ende. In dem unendlichen Raum unendlich viele Welten, Welten nebeneinander, Welten übereinander. Und dem kosmischen Leben entströmte das organische, immer höher und höher. Urschöpfung erfüllte die Luft. Alles war in Bewegung, alles atmete, Millionen und Abermillionen von Wesen. Und auf dem Gipfel dieses Lebens der Mensch, der Jude, der die göttliche Offenbarung schmiedet und die Völker zum messianischen Reich aufruft... Ein Geräusch ließ Mordechai sich umblikken. Vor ihm stand Blum, verschüchtert, gedrückt, das Gesicht noch häßlicher als sonst. „Warum so einsam, Panie Alter? Ich meine, gehören Sie nicht zur Familie Alter aus Plozk?“ „Ja.“ „Würde das einer bei uns in Polen glauben, Alters Sohn... ich meine, Ihren Vater kennt doch ganz Polen ... und hier ... man hat’s schwer! Sie sind nicht der einzige, Panie Alter! Da haben Sie zum Beispiel mich, ich gebe mich da mit Gojim ab, und daheim habe ich eine Familie, ein Geschäft gelassen... alles zum Teufel! Wissen Sie denn, wie es in Polen ausschaut? Eine feine Wirtschaft! Jeder Schustergeselle steckt eine Kokarde an, kriegt ein ,Zertifikat4 und geht zum Juden um Geld! Ich habe eine Frau und sechs Kinder zurückgelassen... Was soll man machen? Was soll man anfangen? „Wollen Sie heimfahren?“ „Natürlich!“ „Sprechen Sie mit Kahane!“ „Er schickt mich doch ins Feuer!“ „Wohin soll er Sie denn schicken?“ „Das ist nichts für meine alten Knochen!“ „So fahren Sie zu Ihrer Frau!“ „Dann wird mich doch der Russe fassen!“ „So bleiben Sie hier!“ „Wir wissen schon,“ Blums häßliches Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, „selber sitzet Ihr in den Weinkellern ...“ „Wer?“ Blum zog den Hals ein. Seine Augen verschwanden beinahe in seinem aufgedunsenen Gesicht, aus den fast geschlossenen Lidern zuckte es nur lächelnd und jämmerlich zugleich. Er. beugte sich vor und faßte Mordechai am Ärmel: Fortsetzung folgt.