Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- 13 (28.3.1930)
- Date
- 1930-03-28
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 13_ 28. März 17. Jahrgang Der Tod Balfours Lord Balfour ist nicht mehr. Gerade im Augenblick, da die Frage des jüdischen Nationalheims in seiner ganzen Breite und Tiefe aufgerollt ist, da die wort- und sinngemäße Ausführung jener Deklaration umkämpft ist, die dem gesamten jüdischen Volk sein Vaterland verbrieft hat, hbaen sich die Augen Lord Artur James Balfours für immer geschlossen. Die Deklaration, die für ewige Zeiten seinen Namen trägt, die Balfour-Deklaration, war für ihren Schöpfer nicht ein Akt aktuell-politischer Raison, geboren aus; den Machtverhältnissen des Jahres 1917, da England weitgehende Berührungspunkte mit dem Judentum der Welt fühlte; sie war noch weniger die Geste eines einzelnen Mannes. Die Balfour-Deklaration war die Kristallisation des Willens des britischen Imperiums, dem jüdischen Volke den Wiedergewinn seiner alten Heimat zu ermöglichen. In den 13 Jahren, die seit dem Zustandekommen dieses Vertrages verflossen sind, hat sich Lord Balfour als dessen treuester Hüter bewährt. Er war es, der in der Konferenz von San Reino dafür sorgte, daß das zwischen den Ententemächten und der Türkei geschlossene Abkommen die Balfour-Deklaration voll und ganz berücksichtigte. Mit der gleichen Zähigkeit, Tatkraft und Treue brachte Balfour das Palästinamandat zustande, worin alle die jüdische Heimstätte betreffenden Elemente verankert und völkerrechtlich gebunden sind. Diese unvergeßliche Arbeit war begleitet von einer Reihe staatsmännischer Verhandlungen und großangelegter, tiefdurchdachter Reden vor dem Völkerbund und dem britischen Parlament, den höchsten politischen Tribünen der Kulturwelt. Die psychologische Voraussetzung für dieses Schaffen war das volle Erfassen des Wesens des Zionismus in seinem politischen, sittlichen und nationalen Umfang, das Verständnis für ein Problem, das Millionen Menschen bewegt. Der Minister eines Weltreiches trug die mächtigsten Impulse seiner Seele dorthin, wo sonst nur rechnender Verstand und kaltes Abwägen walten. Alle Phasen seines Lebens, vom Moment an, da er die große sittliche Aufgabe, das ist die Wiedergutmachung einer unverjährbaren Schuld am jüdischen Volk, erkannt und die Verwirklichung eingeleitet hatte, fanden ihn unerschütterlich am Werk, den Hindernissen zum Trotz, die sich dem von ihm so sehnsüchtig erhofften Aufbau in den Weg stellten. Der Mann, dessen ethisches Fundament die Bibel war, hatte Vertrauen zum jüdischen Volke, zum Volk der Bibel; er hatte Vertrauen zum Willen des jüdischen Volkes, das ihm seinerseits legendenhaft anmutendes Vertrauen mit Recht entgegenbrachte. In den schönen Tagen der Erfüllung war Lord Balfour da: im Frühling 1925 eröffnet er am Skopusberg die hebräische Universität; er wandert durch den Emek und was seine Augen dort gesehen haben, bleibt ihm unvergeßlich. In düsteren Tagen war er ein nie versagender Freund. Die Last von mehr als 80 Jahren auf den Schultern hinderte ihn nicht daran, nach den furchtbaren Augustereignissen in Palästina dem jüdischen Volk in einem Brief zuzusichern, daß jede englische Regierung die Pflichten der seinen Namen tragenden Deklaration erfüllen werde. Einige Zeit später rief er gemeinsam mit Lloyd George und General Smuts die englische Regierung zur Pflichterfüllung auf. Lord Balfour ist nicht mehr. Sein Herz hat aufgehört zu schlagen. Aber die edelste Tat seines Lebens ist nicht aus der Welt zu schaffen. * * * Lord Balfour, der bis zu seinem 81. Lebensjahre öffentlich tätig und von unerschütterlicher Gesundheit war, erkrankte vor etwa einem Jahre sehr schwer, erholte sich aber dann wieder, vor etwa zehn Tagen erkrankte er wiederum an den Folgen einer Erkältung, als er bei seinem Bruder, Gerald Balfour, in Fishers Hill, nahe Woking (Surrey) weilte. Die Erkrankung schien leichter Natur zu sein, aber der geschwächte Körper des Zweiundachtzigjährigen konnte ihr nicht mehr genug Widerstand leisten. Arthur James Balfour wurde am 25. Juli 1848 als Enkel des zweiten und Neffe des dritten Marquis of Salisbury geboren. Bis zu seiner vorjährigen Erkrankung war er ungeachtet seines hohen Alters der unbestrittene Führer der englischen Konservativen Partei und wurde von der gesamten englischen Öffentlichkeit als politische Autorität verehrt. Er gehörte seit 1874 dem Unterhaus, seit 1922i nach Verleihung der Earlswürde, dem Oberhaus an. Balfour war wiederholt Mitglied des englischen Kabinetts, 1902 bis 1905 Premierminister. 1916 bis 1920 gehörte er der Koalitionsregierung als Minister des Äußeren an. Balfour war auch als Verfasser bedeutender philosophischer Werke hervorgetreten; so schrieb er u. a.: ,,A Defence of philosophic Doubt“ (1879), „The Foundation of Belief“ (1895), „Theism and Humanism“ (1914). Der Name Balfour ist im jüdischen Volk vor allem durch die von ihm an Lord Rothschild gerichtete Deklaration bekannt geworden. Sie lautet in deutscher Übertragung: Auswärtiges Amt, 2'. November 1917. Lieber Lord Rothschild! Es ist mir ein großes Vergnügen, Ihnen namens Seiner Majestät Regierung die folgende Sympathieerklärung mit den jüdisch-zionistischen Bestrebungen zu übermitteln, die dem Kabinett unterbreitet und von ihm gebilligt worden ist. Seiner Majestät Regierung betrachtet die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen und wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei Klarheit darüber herrschen soll, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die