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Das jüdische Echo · 1930-03-21 · 6 (21.3.1930) Der Aufstand · p. Seite 12

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
6 (21.3.1930) Der Aufstand
Date
1930-03-21
Page
Seite 12 (sequence 2)
Language
German
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12 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 6 Wroblewski oder Sikorski? Nein, Blum war stets ein ,Roter4!“ „Warum sitzen Sie dann hier in Paris, Herr Blum? fragte Sibylle, „warum fahren Sie nicht heim, um zu kämpfen?“ Mit einer ruckartigen Bewegung schob sich Blum dicht vor Madame Heß; er vergaß, was er soeben gesagt hatte, und sprudelte heraus, was ihm auf die Zunge kam: „Warum ich nicht fahre? Mit dem ersten Transport fahre ich, Madame! Was denn? Hierbleiben soll ich, jeden Tag zum Komitee gehen und auf die Unterstützung warten? Das ist nichts für Blum! Blum hat schon einmal für Polen geblutet und ist bereit, es wieder zu tun!“ „Bravo, Blum!“ Lubliner klopfte ihm auf die Schulter. „Alle, die hier am Tisch sitzen, sind Zeugen, daß ich dich beim Wort halten werde; du fährst mit der ersten Partie nach Polen!“ „Blums Wort genügt, Panie Lubliner, Blums Glaubwürdigkeit braucht keine Zeugen! Wer, glauben Sie, hat die Kosaken aus Makow vertrieben? Fragen Sie nur Sikorski! Ich, Blum, habe sie vertrieben!“ Gut gelaunt, weil er ein Publikum hatte, beugte sich Blum über den Tisch und goß sich ein Glas Wein ein: „Der Wein ist zwar nicht koscher, Panie Kahane, doch das tut nichts... Aufs Wohl des freien Polen! Prosit!“ „Eine komische Figur, dieser Herr Blum!“ bemerkte Heß leise. „Vor so einem Subjekt muß man auf der Hut sein!“ erwiderte Sybille. „Er ist unschädlich,“ warf Mordechai ein, „ein Mensch, dessen Patriotismus sich darauf gründet, daß er polnischen Offizieren Wein umsonst ausgeschenkt hat... Damit beginnen seine Verdienste um Polen. Wahrscheinlich hat er Sehnsucht nach seinem Heim. Inzwischen bezieht er von beiden Parteien Unterstützung. Er ist, weiß Gott, nicht der einzige seiner Art, denn das ist ja in ,La petite Pologne‘ ein neuer Beruf geworden.“ Heß, der Mordechai erst jetzt bemerkte, machte zwischen sich und Sibylle Platz. „Kommen Sie doch ein wenig näher, Herr Alter! Soeben höre ich, daß Sie aus einer chassidischen Familie stammen! In diesem Punkte stimme ich mit meinem Freunde Graetz nicht überein, ganz und gar nicht. Ich bin überzeugt: Nur durch den Chassidismus können die jüdischen Volksmassen in den slawischen Ländern wieder zum Leben erwachen, wollen sie nicht vom Judentum abfallen wie die Reformer. Ist es wahr, Herr Alter, daß die Chassidim in einem gewissen Maße kommunistisch leben, einander duzen? Wie kann man von Dumpfheit und Verrohung sprechen bei Menschen, die solcher Moral und solcher Begeisterung fähig sind?“ Ohne Mordechais Antwort abzuwarten, wandte Heß seine Aufmerksamkeit einem Freunde zu, der an den Tisch gekommen war, dann wandte er sich unvermittelt an Sibylle: „Du kennst doch Herrn Alter?“ „Selbstverständlich!4 antwortete Sybille lächelnd. „Warum machen Sie sich so selten, Herr Alter? Kahane wird nicht müde, von Ihnen zu erzählen. Kommen Sie doch einmal zu uns!“ „Von mir ist wirklich nicht viel zu erzählen, Madame, solche Individuen wie ich gibt es zu Tausenden.“ „Erst hier, Herr Alter, lin diesem Lärm überkommt einem die Sehnsucht nach einem Menschen!“ „Wie meinen Sie das, Madame?“ „Wir wohnen in der ,Kommune4. Von außen gesehen, haben dort die Menschen alles erreicht; in der ,Kommune4 ist die Wohnung, ist jeder Bissen gemeinsames Gut. Die Menschen scheinen also die schönste soziale Harmonie erlangt zu haben; zugleich aber ist einer vom andern so weit, so fern, ganze Welten scheiden sie voneinander! Da haben Sie Heß, da haben Sie Bakunin, oder nehmen Sie den frommen Sonda, oder den Mystiker Pierre Michel, das sind Institutionen, Systeme, vielleicht Legenden, auf keinen Fall aber sind es Menschen, die jemals einander näherkommen werden. Sie lächeln, Herr Alter, ich aber sage Ihnen: Wenn man unaufhörlich mit Völkern beschäftigt ist, hört man auf, Mensch zu sein.“ Sibylle erwärmte sich an ihren eigenen Worten. Der Blick ihrer schönen Augen bekam jenes leichte Schwanken, das Menschen mit heimlichen Lastern eigen ist. Sie sah sich vorsichtig um, ob niemand zuhörte, dann stellte sie Mordechai verstohlen die Frage: „Wie lange haben Sie an der Seine gearbeitet?“ „Zwei Monate.“ „Wie haben die dort — ich meine die Unterwelt4 — 'Sie aufgenommen?“ „Zuerst scheel, als nicht ihresgleichen. Dann aber, nachdem ich einen von ihnen ordentlich verprügelt hatte, wurde man mit mir gut freund.“ „Sie haben ja doch ihre eigene Ethik!“ ... Lubliner setzte sich neben Heß: „Wie gefällt Ihnen der Aufruf?“ Fortsetzung folgt

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