Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1930-03-21 · 6 (21.3.1930) Der Aufstand · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
6 (21.3.1930) Der Aufstand
Date
1930-03-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9072829-9103085-9229981--10718-9222791
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER AUFSTAND VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Welt-Verlag, durch Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 5. Forsetzung Diese Regierungen verhandelten miteinander bei einem Glase Wein oder einem Krug Bier, schlossen Verträge und verteilten Gebiete unter sich; konnte man nicht einig werden, so kam das diplomatische Französisch außer Gebrauch, jede Regierung fiel in ihre Muttersprache und unterstützte ihre Argumente durch Flaschen und Krüge, welche die Staatsmänner einander an den Kopf warfen. Dann erfolgte rasch eine Einmischung der Nachbarstaaten, welche den Kriegführenden mahnend vor Augen hielten, daß zwischen Volk und Volk dieselben ethischen und Rechtsgrundsätze herrschen müssen wie zwischen Mensch und Mensch und daß wenigstens im Keller Europa in Frieden zu leben habe. Und Deutschland, Österreich, Polen—kurz, ein Staat nach dem anderen fand sich bei Heß ein. Tiefgründige Gespräche wurden geführt; man begnügte sich nicht, die deutsche Philosophie durch die englische Nationalökonomie ersetzt zu haben; man war bemüht, das Feuer immer höher anzufachen, immer mehr Völker mitzureißen. So half man Heß, über die alte soziale Welt Gericht zu halten. Ein älterer Herr in Schwarz, einen Orden im Knopfloch, tauchte plötzlich mit einer eleganten Verbeugung am Tische auf, „Warum so festlich, Panie Lubliner?“ fragte Kahane. „Wir haben soeben eine Versammlung abgehalten“, antwortete hinter Lubliners Rücken ein bewegliches Männchen, dessen merkwürdig unregelmäßiges Gesicht aussah, als wäre es aus Lehmklumpen zusammengesetzt. „Pan Lubliner hat die Massen im Sturm genommen, und rauschende Ovationen wurden ihm zuteil. Spaß, das muß man gesehen haben — wie sagt doch Pan Lubliner selber? — Die Welt ist heute in den Händen der Ludwige: Ludwig Bonaparte, Ludwig Kossuth, Ludwig Mieroslawski und Ludwig Lubliner!“ Lubliner strich seinen dichten grauen Schnurrbart, durch den ein zufriedenes Lächeln huschte, und betrachtete seine durchsichtige Hand, auf deren Rinfinger ein neuer Ehering glänzte. Er überreichte Heß einen Aufruf an die Juden Polens und bemerkte dazu in einem Gemisch von Deutsch und Französisch: „Dort in Polen gibt es Krieg, und wir spielen hier Politik. Im Jahre Einunddreißig habe ich nicht die Pariser Cafes abhausiert . . . da habe ich in Staczek bei Warschau gekämpft ... Aber sie lassen mich nicht, die Jugend läßt mich nicht fort, sie sagen, ich sei hier besser am Platze.“ „Gewiß, gewiß!“ Das Männchen hinter Lubliner fuhr sich durch seine widerspenstigen, borstigen Haare, die ganz und gar unjüdischen Charakter aufwiesen. „Fragen Sie nur mich; wie lange, glauben Sie, ist es her, daß ich bei Makow gekämpft habe?“ Er schob sich sacht an den Tisch heran und fuhr fort: „Täuschen wir uns nicht, was könnte Lubliner dort tun? Höchstens ein schlechter Offizier sein! Mit den Russen verglichen, sind wir ja alle schlechte Soldaten. Also?... Aber die Begeisterung reißt uns vorwärts, oder wie ihr es hier nennt... die Idee.“ „Ja, ja!“ Lubliner lächelte. „Blum arbeitet, er geht tagelang zwischen dem Hotel Lambert und der Rue Cardie spazieren.“ „Er wird vom Prinzen Czartoryski und vom Volkskomitee ausgehalten“, warf Dr. Beniowski, ein sechs Fuß hoher Greis, gekleidet wie ein Kosakenataman, dazwischen. „Blum hält es mit beiden Parteien: er ist ein ,Weißer4 und ein ,Roter4.“ „Daß ich in Makow sämtliche polnischen Offiziere mit Wein freigehalten habe, das führt keiner an, auch nicht, daß ich für Polen ins Exil gehen, eine Familie, eine Weinschenke und Häuser dem Ruin preisgeben mußte!“ Blum sprach in den Raum hinein, und es blieb ungewiß, ob seine Augen lachend oder zornig dreinschauten. „Und da machen Sie, Panie Doktor, mich noch schlecht! Ich habe von Czartoryski noch keinen Heller Unterstützung genommen, ich hielt stets zu Eurem Volkskomitee. Was glaubt Ihr von mir? Bin ich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.